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Übersicht
Sachberichte
Inhalt:
Unfälle
1
Einleitung
Unfälle
2
Überwasser-
kollisionen
Unfälle
3
Unterwasser-
kollisionen
Unfälle
4
Vollaufen von
Booten
Unfälle
5
Technische
Unfälle
Unfälle
6
Vorkehrungen
Polargeleitzüge
Der
Seehund
Seehund-
Bergung
U
978
Schnorchel-
fahrten
|
Unfälle technischer Natur
Wir
kommen nun zu den Unfällen technischer Natur; wie schon gesagt,
verstehen wir darunter Unglücksfälle, die dem Versagen einzelner
Einrichtungen oder eines Apparates zuzuschreiben sind, wobei wir
einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Bedienungs-, Konstruktions-
und Bauausführungsfehlern weder machen wollen noch dürfen.
Die
Besatzung der U-Boote, die Konstrukteure, die Bauleiter und ihre
Unterorgane, sie sind alle Menschen und, sich gelegentlich zu
irren, ist ein allen Menschen gemeinsamer Fehler, aber auch ein
allen gemeinsames Recht. Ein Recht zum Irren besteht natürlich
nur, wenn man neuen, noch unerprobten
oder nicht genügend
erprobten Dingen gegenüber steht.
Abb.
16. Englisches Unterwasserboot 'D 1'.
Nun
wohl, zugegeben, daß die Apparate und Einrichtungen neu waren,
die seinerzeit die Unfälle verursachten, von denen wir nachher
hören werden, gibt es heute keine neuen Sachen mehr auf U-Booten?
Ich meine doch. Auch hier oder gerade hier heißt es: semper
aliquid novi. So sicher, wie man nicht berechtigt ist zu sagen,
daß die Konstruktion der U-Boote abgeschlossen sei, so sicher
ist es, daß der Unfall technischer Natur noch nicht verschwunden
sein kann. Auch in diesem Punkte möchte ich mich in einen Gegensatz
zu den eingangs erwähnten Autoren stellen, obwohl ich ihrer Erfahrung
gewiß nicht gewachsen bin. Ich meine, eine Waffe, ein Schiffstyp,
der, wie die U-Boote, in rapider Entwicklung begriffen ist, bei
dem kaum ein Boot dem andern gleicht, weil jeder Neubau wieder
neue Einrichtungen und Erfindungen verkörpert, birgt auch heute
noch die Möglichkeit, ja auf die Dauer die Gewißheit technischer
Unfälle in sich. Daß das richtig ist, wird auch die folgende Betrachtung
lehren.
Zu
den technischen Unfällen rechnet in erster Linie die Gruppe der
Explosionen, die wieder einzuteilen ist in Ölexplosionen
und
Knallgas-Explosionen.
Die
Ölexplosionen.
Die
Ölexplosionen sind sehr häufig gewesen und kommen trotz aller Gegenmaßregeln
auch heute noch vor, wo leichte Öle (Benzin, Benzol, Gasolin) zum
Betriebe der Motoren verwendet werden. Dieses geschah und geschieht
noch wegen der höheren Leistung, die diese Motoren im Vergleich
zu den Schwerölmotoren haben, und weil man die einmal für leichte
Öle konstruierten Motoren nicht einfach für Schweröl, d.h. Petroleum
oder auch Rohöl oder Treiböl, umändern kann; es kann aber nur unter
Aufgabe der Betriebssicherheit geschehen. Auch die bekannten weißen
Mäuse und patentierte Apparate, die das Vorhandensein explosibler
Gemische anzeigen sollen, können da nicht immer helfen. Denn geringe
Leckagen der Rohrleitungen usw. sind unvermeidlich und bilden eine
stete Gefahr, die oft nicht mehr abzuwenden ist, wenn sie bemerkt
wird.
Die genannten leichten Öle vergasen nämlich an der Luft schon
bei niedrigen, im U-Boot immer vorhandenen Temperaturen in dem Maße,
daß sie mit der Luft ein explosibles Gemisch bilden. das z.B. durch
einen elektrischen Funken zur Explosion gebracht werden kann. Und
der elektrische Funke wird auf U-Booten bei der Fülle der elektrisch
betriebenen Apparate wohl selten fehlen! Z. B. Benzol! Ein Luft-
und Benzol-Gemisch muß 2,6 - 6,5 Volumprozent Benzol enthalten,
um explosibel zu sein, die Luft nimmt aber bei 0° schon 3,4 Volumprozent
Benzol auf, also ist bereits bei 0° die Explosionsgefahr da, gar
nicht zu reden von höheren Temperaturen. Diese große Gefahr, die
der Leichtölmotor in das U-Boot hineinträgt, ist es in erster Linie
gewesen, die uns, d.h. also das Reichs-Marine-Amt, verhindert hat,
früher an den U-Bootsbau heranzugehen.

Abb.
17. Italienisches Tauchboot 'Foca'.
Damals
gab es keinen brauchbaren Schweröl-Motor für Schiffszwecke; er war
auch nirgendswo zu bekommen; und erst der bekannten Firma Körting
in Körtingsdorf bei Hannover gelang die Konstruktion. Dank dem umsichtigen
Vorgehen des Reichs-Marine-Amts ist denn auch unsere Marine von
Ölexplosionen völlig verschont geblieben. Die schwersten Unfälle
dieser Art in den andern Marinen sind folgende:
auf dem
englischen 'A 5' (1905); 2 Offiziere und 4 Mann wurden getötet,
9 Mann verletzt;
im Frühjahr
1909 auf der italienischen 'Foca' in Neapel. Beim Übernehmen
des Benzols hatte sich das explosible Gemisch infolge von Leckagen
zwischen dem Druckkörper und dem Oberdeck angesammelt und wurde
hier, wahrscheinlich durch eine fortgeworfene Zigarette, entzündet.
Das Oberdeck wurde durch die Explosion abgesprengt; 13 Personen
wurden getötet, 7 schwer verwundet;
im Sommer
1909 auf einem russischen U-Boot beim Probieren der Motoren; 1
Toter, 13 Verletzte;
Juni
1909 auf dem englischen 'C 26', also einem neuern Boot; 3 Schwerverletzte;
noch
kürzlich, nämlich im August 1910, auf dem englischen 'A 1', wobei
2 Offiziere und 5 Mann schwer verletzt wurden.
Zahlreiche
weitere Fälle geringen Umfangs mögen unerwähnt bleiben.
Die Knallgasexplosionen.
Weit weniger
verhängnisvoll, aber immerhin gefährlich waren und sind die Knallgas-Explosionen,
die besonders beim Laden der Akkumulatoren vorkommen können, indem
die sich dabei bildenden Gase, im besonderen der Wasserstoff nicht
völlig aufgenommen wird, sondern mit dem Sauerstoff der Luft Knallgas
bildet. Geschieht das, so ist Gefahr vorhanden - denn der zur Entzündung
nötige elektrische Funke fehlt, wie gesagt, auf einem U-Boot nie
-, falls das explosible Gas nicht durch Ventilation sofort beseitigt
wird. Natürlich haben alle modernen Akkumulatorenanlagen der U-Boote
eine besondere Ventilationsanlage, die die Gefahr beseitigen soll;
aber auch diese Anlagen hatten und haben stellenweise ihre Unvollkommenheiten,
sie können auch einmal versagen oder nicht richtig bedient werden.
Tatsache ist jedenfalls, daß bis in die letzte Zeit solche Explosionen
vorgekommen sind, durch die zwar Verletzungen von Personen nur in
wenigen Fällen verschuldet wurden, die aber zum Teil ganz erhebliche
Materialschäden verursacht haben.
Der Vollständigkeit
halber seien hier auch die bekannten Chlorknallgas-Explosionen erwähnt,
die sich auf gesunkenen und wieder gehobenen U-Booten ereignet haben.
Chlorknallgas bildet sich bisweilen in gesunkenen U-Booten, wenn
die unter Strom stehenden Elemente mit Seewasser in Berührung kommen.
Dieses Gas ist außerordentlich gefährlich, da es schon im Sonnenlicht
explosibel ist; diese Explosionen können aber als gewissermaßen
sekundärer Natur aus der Betrachtung ausscheiden, da uns hier die
Gefahren des Betriebes auf dem fahrenden, noch intakten Boot interessieren.
Im ganzen
läßt sich das Urteil über die Explosionen doch wohl nur dahin zusammenfassen,
daß sie mit der Wesensart der U-Boote eng verbunden sind; ich möchte
auch die Ölexplosionen hierbei nicht ausnehmen, denn der Leichtölmotor
war eine Zeitlang auf U-Booten eine conditio sine qua non,
während die übrige Schiffahrt sich ohne ihn behelfen konnte.
Das Versagen
einzelner Mechanismen.
Die zweite
Gruppe der Unfälle technischer Natur setzt sich zusammen aus den
Fällen, in denen das Versagen einzelner, zu den Flut- und Lenzeinrichtungen
der Boote gehörender Mechanismen, zur Katastrophe geführt hat.
Von der Komplikation dieser Mechanismen gibt das kürzlich auch im
Überall erschienene Bild vom Innern des norwegischen U-Bootes 'Kobben'
eine. wenn auch nur allgemeine Vorstellung (vgl. Abb. 18).
Abb.
18. Motorraum des Norwegischen Tauchbootes 'Kobben'.
Aus 'Überall', XIII. Jhrg., 5. Heft.
Die
Fälle sind folgende:
Der Untergang
des französischen 'Lutin' im Jahre 1904. Das Außenbordsventil
des achtern Trimmtanks ließ sich nicht schließen, als das Boot
in tauchbereitem Zustand war, also nur ganz geringe Längsstabilität
und fast keinen Auftrieb hatte. Infolge des Versagers strömte
achtern zu viel Wasser in den Tank, das Boot wurde achterlastig,
verlor seinen Restauftrieb und sank in stark schräger Lage,
wodurch natürlich Gegenmaßregeln sehr erschwert wurden. Auf größerer
Tiefe sprengte dann der wachsende hydrostatische Druck die Tankdecke,
das Wasser brach in das Boot ein, und die ganze Besatzung kam
um. Ein Stein soll sich zwischen den Ventilteller und den Ventilsitz
geklemmt haben. Wie kam der dahin? Durch Fahrlässigkeit der Besatzung
oder der Bauausführung? Oder war etwa das Ventil falsch konstruiert,
sodaß sich Fremdkörper von außen, z. B. wenn das Boot auf dem
Grunde lag, einschleichen konnten?
Wir lassen das dahingestellt,
da es hier nicht unsere Aufgabe sein kann, die Schuldfrage zu
entscheiden; wichtiger ist uns die Frage, ob ein solcher oder
ein ähnlicher Versager heute auf Unterseebooten unmöglich ist.
Die Antwort lautet: wahrscheinlich ist er nicht, unmöglich
aber auch keinesfalls. Denke man sich nur an Stelle
des Steins eine Schraubenmutter oder einen Bolzen oder gar einen
Nietkopf. Dieser kann z. B. durch die Bootserschütterungen infolge
des Motorengangs abgesprengt sein, eine Fahrlässigkeit braucht
garnicht vorzuliegen.
Abb. 19. Amerikanisches Tauchboot 'Protector' (Versuchsboot).
Der
zweite Fall ist der Untergang des japanischen U-Bootes Nr. 6 im
April 1910 angeblich dadurch, daß die Verbindung eines Antriebsrades
mit dem Ventilationsschieber, der gerade geschlossen werden sollte,
riß. Da das Ventil selbst nicht ohne weiteres zugänglich war,
sank das Boot, in das nun das Wasser ungehindert weiter einströmen
konnte, auf den Grund, unglücklicherweise auf 60 m Wasser. Obwohl
es nachher gelang, den Schieber zu schließen, war doch schon mehr
Wasser eingedrungen, als ausgeblasen werden konnte; außerdem wurde,
da der Druckkörper auf eine Tiefe von 60 m nicht konstruiert war,
das Boot durch den Wasserdruck erheblich leck, und die Akkumulatoren
kamen unter Wasser. Dadurch wurden diese kurzgeschlossen, das
Licht ging aus, und es entwickelten sich erstickende Dämpfe, durch
die die Besatzung, der es nicht gelang, das Wasser mit den Handpumpen
zu entfernen, erstickte.
In diesem Falle, der dem 'U 3'- Fall
in seinen Ursachen und in seinem Verlauf ganz außerordentlich
ähnlich ist, soll nach japanischer Quelle der Kettenbruch auf
unvorsichtige, zu heftige Bedienung des Antriebs zurückzuführen
sein. Ich möchte einwenden, daß eine solche Kette so stark sein
muß, daß sie aus solcher Ursache nicht brechen kann. Es
ist aber für uns nicht nötig, die Frage nach dieser Richtung hin
zu klaren. Uns interessiert nur die Frage, ob der Unfall mit der
Wesensart der U-Boote in Zusammenhang steht, und diese Frage müssen
wir doch wohl bejahen. Solange Menschenwerk besteht, und solange
Menschen die Herstellung und Wartung so zahlreicher neuartiger
Mechanismen, wie sie auf U-Booten vorhanden sind, zu versehen
haben, wird es wohl hin und wieder vorkommen, daß durch ein Zusammentreffen
mehrerer unglücklicher Umstände eine solche Kette oder ein Gestänge
oder dergleichen bricht oder versagt, wahrscheinlich allerdings
nur sehr selten und hoffentlich nicht wieder in einer so kritischen
Lage wie die war, in der sich das japanische U-Boot befand.
Am
17. Januar 1911 - hiermit kommen wir zu dem uns am meisten interessierenden
Fall - sank das deutsche U-Boot 'U 3' in der Heikendorfer Bucht
dadurch, daß der Schieber des achtern Ventilationsmastes nicht
völlig geschlossen war, ohne daß es jemand bemerkte, und als man
es bemerkte, auch nicht geschlossen werden konnte; das Boot befand
sich in tauchbereitem Zustand. Das Gestänge ließ sich weder vor-
noch rückwärts bewegen, da es sich festgefressen hatte. Der Schieber
saß in nahezu geschlossener Stellung - es fehlten 28 mm - fest.
(Siehe den sichelförmigen Spalt hinter der Schieberstange in Abb.
20; Vgl. auch Abb.13.).

Abb. 20. Abschlußschieber des achtern Ventilationsmastes
auf
'U 3' in der Stellung, in der er die Havarie des Bootes verursachte.
Durch
die schmale Öffnung floß Wasser, während das Boot - ein Schulboot
- die erste schulmäßige Flutübung des betreffenden Kursus vornahm,
in eines der sich vom Ventilationsmast abzweigenden Ventilationsrohre,
das unten in der Maschinenraumbilge mündet. Da niemand die Rohrmündung
sehen konnte, auch das Geräusch des einströmenden Wassers nicht leicht
zu hören war, weil die Rohrmündung sich der Rundung der Bilge anschließt,
so wurde der Wassereinbruch zunächst nicht bemerkt. Erst das Spritzen
eines andern geschlossenen Schiebers belehrte die Besatzung darüber,
daß Wasser in der Rohrleitung sei.
Der herbeigeeilte Ingenieur des
Bootes fand die Maschinenraumbilge schon annähernd voll; sie faßte
etwa 22 t Wasser! Die Lage war äußerst kritisch, das war dem Kommandanten
sofort klar, und die nötigen Befehle zum Lenzen der Tanks, zum Schließen
der Schotten und zum Schlippen der Sicherheitsgewichte wurden prompt,
in einem Atem gegeben. Ihre sichere und schnelle Ausführung konnte
aber das Unheil nicht mehr wenden, es war schon zuviel Wasser eingedrungen,
als die Gefahr bemerkt und erkannt wurde. Das in tauchbereitem Zustand
befindliche Boot konnte natürlich auf die große achterliche Belastung
nur in der Weise reagieren, daß es mit dem Heck voran auf den Grund
sank. Bei der vorhandenen Wassertiefe von 12 m stieß das Boot bald
mit dem Heck auf den Grund und stellte sich, da vorn Auftrieb vorhanden
war, schräg zur Horizontalen.
Infolge der schrägen Lage des Bootes
strömte nun das eingedrungene Wasser achtern zusammen, überflutete
die Schaltungen und führte den Kurzschluß der elektrischen Batterien
herbei. Die Starkstromentladung verursachte durch Erhitzung der Elementverbindungen
den Brand der vorderen Batterie, indem diese glühenden Eisenteile
ihrerseits Gummiteile in Brand versetzten und die Säure erhitzten.
Die erstickenden Dämpfe dieses Brandes zwangen den Kommandanten, die
Besatzung vor das vordere druckfeste Schott zu schicken, während er
selbst in den Turm zurückkehrte, um von hier aus, unterstützt vom
Wachoffizier und Rudergast, das Ausblasen der Tanks fortzusetzen.
Es gelang ihm auf diese Weise das Vorschiff bis in die Wasserlinie
zu heben, das Achterschiff konnte er, da infolge des vermehrten hydrostatischen
Druckes achtern inzwischen zuviel Wasser eingedrungen war, nicht mehr
hoch bringen.
Bezüglich der Bergung des Bootes, mit ihrem glücklichen
Anfang und ihrem tragischen Ende, verweise ich auf das Märzheft der
Marine-Rundschau, das die genaue Beschreibung dieser Vorgänge vor
einigen Tagen gebracht hat. Ich möchte hier nur kurz feststellen,
daß bis auf den Schieber alle Einrichtungen des Bootes intakt waren
und tadellos funktionierten, einschließlich der Hauptlenzpumpe, die
einwandfrei arbeitete, bis die Saughöhe für sie zu groß wurde. Daß
die Havarie den Umfang annehmen konnte, lag in allererster Linie daran,
daß sie sehr spät bemerkt wurde. Die vorgeschrittene Abendstunde gestattet
leider nicht an dieser Stelle auf diese Dinge näher einzugehen.
Die
Frage nach der Ursache dieser Havarie können wir dahin beantworten,
daß auch hier eine Kombination, ein Zusammenwirken mehrerer unglücklicher
Umstände vorgelegen hat; nur diesem Zusammenwirken verschiedener ungünstiger
Faktoren ist die Havarie und ihr tragischer Ausgang zuzuschreiben.
Alle Lehren, die aus dem traurigen Ereignis gezogen werden können,
werden selbstverständlich auf das Gewissenhafteste verwertet und werden
dazu beitragen, eine ähnliche Havarie in Zukunft auszuschließen, soweit
dieses eben menschenmöglich ist.
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