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Als
sich im Verlauf des letzten Krieges das Zünglein an der Waage
immer deutlicher zugunsten unserer Kriegsgegner neigte, mußte
sich die Regierung bzw. Parteiführung etwas einfallen lassen,
um den Durchhaltewillen der Soldaten und der Zivilbevölkerung
zu stärken. Man erfand die 'in Entwicklung befindlichen
und bald einsatzbereiten Wunderwaffen', die eine Wende herbeiführen
würden. Niemand konnte sich über Näheres einen Reim
machen. Wir jungen U-Bootfahrer auch nicht. Wir hatten - es war
Sommer oder Frühherbst 1944 - unsere U-Bootausbildung abgeschlossen
und standen vor der Tatsache, daß es nicht genügend U-Boote
mehr gab, um uns alle aufzunehmen.
Wir
wollten aber an die Front, um unseren Beitrag für's Vaterland
zu leisten. Wir hörten vom Kleinkampfmittel-Verband, der sich
seit dem Frühjahr unter Admiral Heye gegründet hatte.
So kamen ab Frühjahr 1944 einige mehr oder weniger primitive
und nicht gut durchkonstruierte Klein-Waffen zum Einsatz, z.B. der
Ein-Mann-Torpedo, Tarnbezeichnung 'Neger', die Sprengboote,
Tarnbezeichnung 'Linse'; dies waren flachgehende kleine
Boote mit einer starken Sprengladung im Bug. Sie rasten mit einer
Geschwindigkeit von 70 km/h geraden Weges auf das feindliche Ziel
zu, der Fahrer fixierte kurz vor dem Ziel das Ruder auf Geradeauslauf
und ließ sich in's Wasser fallen, um von einem nachfolgenden
Boot aufgefischt zu werden. Man trainierte auch Kampfschwimmer,
die hauptsächlich im feindlichen Hinterland operieren sollten,
z.B. Brücken sprengen u.ä. Diese und andere K-Waffen erzielten
anfangs einige spektakuläre Erfolge. Sie hatten aber auch sehr
erhebliche Verluste, weil sich die Kriegsgegner sehr schnell auf
diese neuen Angreifer eingestellt hatten und Abwehrmaßnahmen
getroffen. Die Verluste waren bei diesen K-Soldaten erheblich.
Die
einzige, gut durchkonstruierte K-Waffe war schließlich ein
Zwei-Mann-U-Boot, Tarnbezeichnung 'Seehund', Typ XXVII
in der Typenreihe der U-Bootwaffe. Es war eine Nachbildung des erfolgreichen
Atlantik-U-Bootes vom Typ VII-C, jedoch eben im Kleinformat. Es
hatte alle Eigenschaften der großen Boote bei einer Länge
von ca. 11 Metern, Gewicht ca. 15- Tonnen, 2 Mann Besatzung (Kommandant
und Maschinist, L.I. genannt), 60 PS Dieselmaschine für 7 Knoten
Geschwindigkeit über Wasser und E-Maschine für 5 Knoten
Geschwindigkeit unter Wasser. Es hatte zwei Tauchzellen, Regel-
und Trimmzellen, Tauchtiefe bis 70 Meter, Bewaffnung 2 Torpedos,
außen in Schienen hängend. Der Nachteil im Vergleich
zu den großen Booten: die Torpedos konnten nur geradeaus geschossen
werden, es mußte also mit dem ganzen Boot gezielt werden.
Das Boot konnte nur von perfekt ausgebildeten U-Bootfahrern beherrscht
werden.
Die
spezielle Ausbildung für den Seehund erfolgte beim Lehr-Kdo.
300 in Neustadt, Fahrtraining in der Lübecker Bucht. Einsatzhafen
war Jimuiden, Vorhafen von Amsterdam. Ziel der Einsätze: die
Nachschubwege für die Invasionsfront von England zur französischen
und belgischen Atlantik-Küste, vorzugsweise die Themse- und
Scheldemündungen. 285 Boote wurden bei zwei Werften in Auftrag
gegeben, etwa 230 davon wurden bis Kriegsende abgeliefert. Die ersten
Einsätze wurden ab Anfang Januar 1945 gefahren, und sie hatten
zunächst erhebliche Verluste. Dann aber gab es auch spektakuläre
Erfolge, z.B. die Versenkung des französischen Zerstörers
La Combattante sowie zahlreicher kleiner schwimmenden Einheiten.
Positiv ist auch zu bewerten, daß allein das Vorhandensein
dieser Seehunde eine Vielzahl von fliegenden und schwimmenden Abwehr-Einheiten
der Alliierten band, die dadurch nicht gegen das Reichsgebiet eingesetzt
werden konnten. Jedoch die Seehunde waren sehr langsam, verglichen
mit den sie verfolgenden Abwehr-Schiffen. Einer Wasserbombenverfolgung
konnten sie sich nur mir viel Glück ungeschoren entziehen.
Im
Zeitraum Anfang Januar bis Ende April 1945 zählte man etwa
80 Gefallene bzw. Vermißte. Hinzu kamen im Zeitraum August
1944 bis Kriegsende 25 Tote während der Ausbildung in der Lübecker
Bucht infolge Bedienungsfehler oder Kinderkrankheiten der Boote.
Nur ein Teil dieser Kameraden wurde geborgen und fand ein irdisches
Grab.
Der
kommandierende Admiral Heye besuchte einmal die Ausbildungseinheit
in Neustadt. Er gab sich gegenüber seinen jungen Untergebenen
immer sehr kameradschaftlich und duzte grundsätzlich auch die
jungen Offiziere. So faßte sich einer von ihnen ein Herz und
sprach den Admiral an: 'Gestatten Herr Admiral eine Frage,
- wann kommen denn die neuen Wunderwaffen?' Heye nach etwas
Zögern: 'Die Wunderwaffen, das seid Ihr'. Betretenes
Schweigen ringsum. Wir waren zwar stolz auf unsere kleinen Boote,
aber uns auch ihrer Schwächen bewußt.
In den ersten Jahren nach Kriegsende und im Laufe der 50-er Jahre
wurden in der Lübecker Bucht mehrere auf Grund liegende Seehunde
gefunden. Fischer beklagten die Beschädigung ihrer Netze, mit
denen sie an den Wracks hängengeblieben waren. Sie gaben die
Positionen an Wrack-Firmen weiter, die sich über den damals
wertvollen Schrott freuten. Ob dabei auch solche Boote waren, die
noch sterbliche Reste ihrer Besatzung in sich trugen, ist nicht
bekannt, aber denkbar.
Erstmals
1999 wurde wieder ein Fund gemeldet. Diesmal hatte das Vermessung-
und Wracksuchschiff 'Deneb' vom Bundesamt für Seeschiffahrt
und Hydrographie einen Seehund südlich von Großenbrode
entdeckt. Der Fernseh-Journalist, Herr Eberhard Schmiel, organisierte
die Bergung. Heute steht dieses Boot gut restauriert im Marine-Museum
Wilhelmshaven. Ein weiterer Fund folgte im vergangenen Jahr.
Ein
dänischer Fischer hatte in der Kadetrinne, 6 Seemeilen westlich
von Darsser Ort, einen Netzhakler. Zur Hilfe geholte Sporttaucher
fanden das Netz verfangen in einem Seehund. Dieses Boot wird derzeit
im Marinearsenal Kiel für das Militärmuseum Dresden restauriert.
Zur gleichen Zeit meldete die DENEB einen weiteren Seehundfund bei
Fehmarn. Erstmals wurden in diesem Boot die Gebeine der beiden Besatzungsmitglieder
gesichtet. Beide Boote wurden mit dem Schwimmkran HIEV nach Kiel
verbracht und auf die Pier im Marine-Arsenal gesetzt. Kripo, Staatsanwaltschaft
und der Volksbund wurden aktiv. Ein aus Kassel angereister Umbetter
barg die Gebeine der beiden Marine-Soldaten und stellte nahezu Vollständigkeit
fest. Er schätzte die Größe der beiden Toten auf
1,70 bis 1,76 Meter und das Alter auf 20 - 25 Jahre.
Unser,
der überlebenden Seehund-Fahrer, Bestreben ist es, die beiden
Kameraden nach Möglichkeit zu identifizieren, um evtl. noch
lebende Angehörige ausfindig zu machen und in jedem Fall für
ein würdiges irdisches Grab zu sorgen nach 56 Jahren auf dem
Meeresgrund. Die Erkennungsmarken sind nicht mehr vorhanden, weil
durch das aggressive Salzwasser aufgelöst (Aluminium).
Wir
haben nur folgende Anhaltspunkte:
Das Boot dürfte im Zeitraum März/April 1945 durch Unfall
gesunken sein. Die übliche Lederbekleidung trug keine Rangabzeichen.
Es fanden sich lediglich ein Pfeifenkopf, eine Armbanduhr und ein
silbernes Zigarettenetui, Gravur aussen in künstlerischer Phantasie-Schrift
'L.F.', auf der Innenseite eine einfache Gravur 'Gretl,
Weihn. 1933'. Sonst keine persönlichen Fundgegenstände,
nur die üblichen Ausrüstungsgegenstände. Wir rufen
alle Leser dieses Berichts auf, nachzudenken, ob sie sich an einen
Marine-Kameraden erinnern, dessen Name die Anfangsbuchstaben L.
und F. hatte und der den Krieg nicht überlebt hat. Vielleicht
will es der Zufall auch, daß jemand die Gravur innen 'Gretl,
Weihn. 1933' zu deuten weiß? Im
Namen der Seehundfahrer-Kameradschaft
Erich Schedler
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