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Nach
55 Jahren wird Herbert Guschewski von Kriegserlebnissen eingeholt
Treffen mit US-Reportern
Memmingen/Hamburg/New
Jersey
Es war nur
ein Anruf, doch danach war nichts mehr wie zuvor: Am Dienstag. 13.
April 1999, klingelt bei Herbert Guschewski das Telefon. Er nimmt
ab, und am anderen Ende meldet sich Fregattenkapitän Jürgen Weber
von der U-Boot-Kameradschaft aus München. Weber kommt gleich zur
Sache: 'Haben Sie gestern abend 'Spiegel TV' gesehen?', fragt er
Guschewski. 'Nein. warum?', antwortet der völlig überraschte Memminger.
'Sie haben U 869 entdeckt', sagt Weber. Mehr ist nicht nötig. Auf
einen Schlag hat die Vergangenheit Herbert Guschewski eingeholt.
Denn der
mittlerweile 78jährige war während des Zweiten Weltkriegs Funkmaat
auf besagtem deutschen U-Boot. Und es ist wohl kaum übertrieben
zu sagen: Der gebürtige Bochumer hat nur durch einen riesigen Zufall
überlebt.
Guschewski
schildert heute die letzten Monate des im Januar '44 in Dienst genommenen
U-Bootes U 869 wie folgt: 'Wenige Tage vor dem Auslaufen aus dem
Hafen Stettin erkrankte ich an einer Lungen- und Rippenfellentzündung
und wurde deshalb ins Lazarett eingeliefert. U 869 lief wenige Tage
später ohne mich in Richtung Norwegen zur ersten Feindfahrt aus.'
An diesem Tag ahnte Guschewski noch nicht, daß er seine Kameraden
nie wieder sehen würde. Erst nach Kriegsende erfuhr er, daß U 869
am 28. Februar 1945 bei Casablanca vor der marokkanischen Küste
mit 56 Mann Besatzung versenkt wurde. Das war die offizielle Version.
An die glaubte aber nicht nur Herbert Guschewski. Auch in allen
historischen Fachbüchern ging man bislang davon aus.
Doch dann
wurde die Spiegel-TV-Reportage ausgestrahlt. Die Sendung dreht sich
um ein amerikanisches Taucherteam, das vor der Küste von New Jersey
(USA) ein unbekanntes U-Boot entdeckt hatte. Die Taucher waren von
Fischern aufmerksam gemacht worden, die immer wieder eigenartige
und unerklärliche Risse in ihren Netzen festgestellt hatten.
Innerlich
aufgewühlt
Mittlerweile
hat auch Herbert Guschewski eine Video-Aufzeichnung der Reportage
gesehen. Innerlich aufgewühlt sagt er: 'Ein zweites Mal kann ich
es mir nicht mehr anschauen.' Das liegt nicht nur daran, daß bei
den Tauchgängen, die zur endgültigen Identifizierung von U 869 geführt
haben, drei Taucher ums Leben gekommen waren.
Nein, schlaflose
Nächte hat dem 78jährigen der Gedanke bereitet, daß auch er ein
Seemannsgrab in 70 Metern Tiefe gefunden hätte. Wenn er, wie geplant,
mit U 869 ausgelaufen und nicht 'glücklicherweise' krank geworden
wäre.
Ironie
des Schicksals: Bereits im April 1943 war Guschewski schon einmal
dem Tod von der Schippe gesprungen. U-Boot U 602 war am 6. April
vom französischen Mittelmeerhafen Toulon aus zur Feindfahrt ins
Seegebiet vor Algerien aufgebrochen. 48 Männer fanden dabei den
Tod. Es wäre einer mehr gewesen: Herbert Guschewski, der nur deswegen
nicht an Bord ging, weil er zu einem Funkerlehrgang nach Flensburg
abkommandiert worden war. Das hat ihm das Leben gerettet.
Und jetzt
möchte der Memminger Stadtrat unbedingt mithelfen, die wahre Geschichte
von U 869' zu schreiben. Deswegen fährt er am heutigen Samstag zunächst
nach Hamburg, dann nach Kiel. Dort trifft er sich mit dem amerikanischen
Taucherteam sowie mit amerikanischen Reportern und denen von Spiegel-TV.
Sie alle
waren ganz wild auf Guschewski, als sie über Fregattenkapitän Weber
erfahren hatten, daß es einen 'Überlebenden' der U869-Besatzung
gibt. Zusammen wollen sie nun den Grund für die Versenkung des U-Bootes
erforschen. Und vor allem möchten sie endgültig klären, warum es
vor der amerikanischen Ostküste und nicht - wie bisher angenommen
- vor Marokko sank.
Vergessen?
Nicht möglich!
Ob er mit
den Tauchern und den Reportern auch nach Amerika fliegen wird. weiß
Herbert Guschewski noch nicht. Falls nicht, hätte der Memminger
Beauftragte der Kriegsgräberfürsorge einen Herzenswunsch: 'Ich würde
mich wahnsinnig freuen, wenn die Taucher noch einmal runtergingen
und eine Gedenkschleife für unsere toten Kameraden am U-Boot befestigten'
Vergessen hat Herbert Guschewski diese Männer nie. Und wenn er es
auch gewollt hätte: Spätestens seit dem Anruf vom 13. April 1999
ist das nicht mehr möglich.
Manfred
Jörg

Unser großes
Bild zeigt die U 869 bei der offiziellen Indienstnahme am 26.
Januar 1944 in Bremen. Auf dem kleinen Bild ist der junge Funkmaat
Herbert Guschewski zu sehen, der nur durch Zufall auf diesem U-Boot
nicht in den Tod fuhr.
Fotos:
Privat |