Zurück nach 56 Jahren
Von
Wolfgang Henze
Es
dürfte am 7. April 1945 gegen acht Uhr abends gewesen sein,
als sich Obermaschinist Artur Schmidt auf den schmalen Sitz des
Leitenden Ingenieurs von U-5363 zwängte. Eingequetscht zwischen
Steuerknüppel, Hauptanblasventil und Handlenzpumpe, zusätzlich
eingeengt durch das starre 'Lederpäckchen' und einiger
Lagen Extra-Unterbekleidung war er damit für die nächsten
Tage zu beinahe vollkommener Bewegungslosigkeit in der engen Stahl-Röhre
verdammt. Nachdem Kommandant Harro Buttmann seinen Platz im Turmluk
des Zwei-Mann-U-Boots besetzt hatte und die Vorleine ins schmuddelige
Hafenwasser fiel, legte U-5363 von der Betonpier ab. Keine große
Abschiedszeremonie, nur ein paar Kameraden winkten an diesem kalten
Winterabend des letzten Kriegsjahres hinterher.

U-Boot Typ
XXVII B5
SEEHUND
Wenige
Minuten später passierte das Boot mit langsamer Fahrt die Seeschleuse
und war damit in der Nordsee auf sich allein gestellt. Die Aussicht
lebend zurückzukehren war nicht gut für die zwei jungen
Männer. Kein Funk, kein Sonar, selbst zum alltäglichen
Leben fehlte das Nötigste. Nicht mal eine Toilette gab es an
Bord, stattdessen 'schlackenfreie Sonderkost', aber drei,
vier Tage Einsatz in See und 165 Meilen (ca. 3 00 Kilometer) Transit
bis in das Operationsgebiet waren befohlen. 'Versorgungskonvois
vor Dover angreifen' lautete ihr Auftrag.
142 Kriegs-Einsätze
Mit dem Ablegen von U-5363 begann einer von insgesamt 142 Krieg-Einsätzen
dieser Mini-U-Boote vom niederländischen Stützpunkt Ijmuiden
aus, dem kleinen Seehafen in der Nähe Amsterdams.
Den beiden Marinesoldaten wird sogar einer der größten
Erfolge dieser Waffe zugeschrieben, denn höchstwahrscheinlich
wurden bei diesem Einsatz die Frachter SAMIDA und SALOMON JUNEAU
dicht unter der englischen Küste vor Dungenes versenkt. Aber
auch Harro Buttmann und Artur Schmidt bezahlten den Einsatz mit
dem Leben.
In den frühen Morgenstunden des 10. Aprils versenkte das britische
U-Jagdboot M. L. 102 das kleine Tauchboot 12 Seemeilen östlich
von Dover durch einen Wasserbombenangriff. Die Leiche des Leitenden
Ingenieurs trieb durch die gesamte Nordsee und verfing sich im August
1945 im Netz eines Fischers vor der Insel Föhr. Leutnant zur
See Harro Buttmann fand seine letzte Ruhestätte auf dem großen
Soldatenfriedhof von Ijsselstein in den Niederlanden.

Stiefel, Schlauchboot,
Thermosflaschen - die Ausrüstung der toten Besatzung
Letzte
Initiative
Bereits im Angesicht des Untergangs begann Ende '44 die letzte Initiative
der Kriegsmarine mit dem Bau und Einsatz der SEEHUNDE und anderer
Kleinkampfmittel. Technisch-logistisch unfähig zum Bau großer
U-Boote, von deren erfolgversprechendem Einsatz ganz abgesehen,
versprach sich die deutsche Seekriegsleitung vom Einsatz dieser
Mini-U-Boote zumindest Präsenz auf dem nassen Schlachtfeld
Nordsee und im Englischen Kanal. Die Admiralität kann sich
durch diese technisch unausgereiften Kleinkampfmittel mit ihren
blutjungen und teilweise unzureichend ausgebildeten Besatzungen
kaum wesentliche taktische Erfolge oder gar operative Einflussnahme
auf das Ende des 2. Weltkriegs versprochen haben. Die Demonstration
operativer Aktivitäten durch die Seekriegsleitung gegenüber
der Reichsführung war wohl ein weiterer Aspekt dieser Waffensysteme.
Darum ist auch die Einschätzung dieser Boote und ihrer Besatzungen
bei Historikern geteilt. Die Schrecken dieser Einsätze, aber
auch die physischen und psychischen Anforderungen an die Besatzungen,
von denen etwa 110 den nassen Tod gefunden haben, sind im Mai des
Jahres bei Fehmarn erneut sichtbar geworden.

Klaus Mattes,
SEEHUND-Spezialist und Buch-Autor.
Schnelle
Bergung
Am 11. Mai hob der Marine-Schwimmkran HIEV 2,6 Seemeilen (ca. 4,3
Kilometer) südöstlich von Großenbrode einen nahezu
unbeschädigten SEEHUND aus zwölf Metern Wassertiefe. Nur
wenige Tage zuvor hatte das Vermessungsschiff DENEB das kleine U-Boot
bei einer Steinfelduntersuchung entdeckt. Erstmals gelang damit
die Bergung eines nahezu unbeschädigten SEEHUNDS, noch bevor
'Sporttaucher' Ausrüstungsgegenstände als Devotionalien
entwenden konnten. Das war in diesem Fall um so dringlicher, da
die SEEHUND-Besatzung das Boot vor dem Untergang nicht hatte verlassen
können.
Eberhard Schmiel, der schon vor zwei Jahren die Bergung und Restaurierung
des jetzt im Wilhelmshavener Marinemuseum ausgestellten SEEHUNDS
organisierte, wurde umgehend durch die Behörden eingeschaltet,
und nahm sich auch dieses neuen Fundes an.

Eberhard Schmiel - schon die zweite Bergung.
Untersuchung
Aufgebockt auf provisorischen Pallungen, durch eine weiße
Zeltplane vor Witterungsunbilden geschützt, steht der rostige
SEEHUND an einer Seitenstraße des Kieler Marinearsenals. Gegenüber,
in einem der Schwimmdocks, steht ein zweiter, der wurde bereits
vor einigen Wochen in der Nähe vom Darsser Ort gehoben und
soll später in Dresden ausgestellt werden. Am Tag zuvor hatten
Bestatter in Zusammenarbeit mit Kriminalpolizei und Staatsanwaltschaft
die sterblichen Überreste der Besatzung aus ihrer verrosteten
Grabstätte geborgen.
Eberhard Schmiel und Klaus Mattes, SEEHUND-Spezialist und Fachbuchautor,
machten sich anschließend daran, das Boot zu reinigen, die
Ausrüstung zu dokumentieren, insbesondere aber nach den Erkennungsmarken
der beiden toten Marinesoldaten zu suchen. Weder die Identität
des Bootes noch die seiner Besatzung konnte bislang aber festgestellt
werden. 'Vermutlich bei einer Ausbildungs- oder Verlegungsfahrt
im Frühjahr 1945 gesunken,' meint er, hält aber weitergehende
Prognosen für reine Spekulation. 'Sicherlich war es aber
keine Feindeinwirkung, vielleicht ein Sauerstoffunfall oder eine
Leckage', fügt er dennoch an. Dass sich die Schwimmweste
des Kommandanten hinter einem Ventil verhakt hatte, mag als Indiz
gelten, warum die Besatzung das Boot nicht verlassen konnte.

Geborgen vor
Darsser Ort - vorgesehen für das Militärmuseum in Dresden
Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden 285 SEEHUNDE gebaut.
Davon kamen etwa 70 zum Front-Einsatz nach Ijmuiden. Der Rest blieb
in der Ostsee. Teilweise zur Ausbildung der Besatzungen genutzt,
waren andere technisch nicht einsatzklar oder konnten aufgrund der
Kriegssituation nicht zum Frontstützpunkt in die Niederlande
überführt werden.

Nach 56 Jahren
- fast unbeschädigt
Wie schon vor zwei Jahren, strebt Eberhard Schmiel auch diesmal
die Restaurierung des Bootes an, um dieses dann in einer Sammlung
oder einem Museum der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
'Erste Gespräche sind auch schon geführt worden',
sagt er dazu. 'Vordringlich ist aber jetzt, die Identität
der Besatzung festzustellen, um sie würdig beerdigen zu können',
legt Eberhard Schmiel seine Prioritäten deutlich fest.
Wolfgang
Henze
U-Boot Typ XXVII B5
SEEHUND
Besatzung:
2 Mann
(Kornmandant und Leitender Ingenieur)
Abmessungen:
Länge über alles: 11,87 m
Breite: 1,84 m
Tiefgang: 1,85 m
Unterwasserverdrängung
mit Torpedos: 16,98m3
Konstr. Tauchtiefe: 30 m
Antrieb:
Büssing-NAG LD 6 Dieselmotor, 60 PS
E-Maschine: AW 77-Nebenschlussmotor, 25 PS E-Kapazität 1600
Ah max.
Fahrleistungen:
Dieselmotor ca. 270 sm bei 7.7 Knoten
E-Maschine
ca. 15 sm bei 6 Knoten/
60 sm bei 2,2 Knoten
Bewaffnung:
2 elektrische Torpedos T III c,
Laufstrecke 4000 m bei 18,5 Knoten |