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Der
Wolf des Atlantik starb an der Donau
86jähriger
Otto Kretschmer starb nach Sturz von einer Schiffstreppe im Klinikum
Wie
erst jetzt bekannt wurde, starb Flottillenadmiral a.D. Otto Kretschmer
am 5. August im Klinikum St. Elisabeth. Er befand sich nach Auskunft
von Staatsanwalt Horst Böhm auf einer Urlaubs-Kreuzfahrt auf der
Donau von Regensburg nach Budapest. Beim Besteigen einer fast senkrechten
Personaltreppe des Passagierschiffs sei der sehr rüstige 86jährige
am Sonntag, 2. August, um 14.30 Uhr gestürzt und habe sich schwerste
Kopfverletzungen zugezogen. Am Mittwoch, 5. August, um 3 Uhr erlag
Kretschmer seinen schweren Verletzungen im Klinikum St. Elisabeth.
Da
die Angehörigen in aller Stille von Otto Kretschmer Abschied nehmen
wollten, gelangten nur spärliche Informationen an die Öffentlichkeit.
Zudem ermittelt noch heute der Staatsanwalt in der Frage, ob alle
Sicherheitsbestimmungen auf dem Passagierschiff eingehalten wurden.

Kapitänleutnant
Otto Kretschmer (linkes Bild, rechts) nach einer Patrouille auf
dem
U-Boot U-99 am 21. Juli 1940 in Lorient/Frankreich.
Das rechte Foto von Otto Kretschmer wurde im vergangenen Jahr aufgenommen.
Foto: Stephen Ames
U-Boot-Kapitane
waren im Zweiten Weltkrieg angewiesen, aus einer Entfernung von
rund 3 000 Metern eine Salve von vier bis sechs Torpedos auf ihr
Ziel abzufeuern. Kretschmer hatte seine eigene Taktik entwickelt.
Sein Motto war: 'Ein Torpedo, ein Schiff.'
Am
22. Februar 1941 brach Kretschmer vorn französischen Lorient zu
seiner achten Patrouille mit der U-99 auf. Am 16. März durchstieß
er die Kolonne des heimwärtsfahrenden Konvois HX 112, um einen seiner
erfolgreichsten Angriffe seiner Karriere durchzuführen: Innerhalb
einer Stunde versenkte er fünf Schiffe. Von den Flammen der brennenden
Tanker wurde das U-Boot hell erleuchtet. Zudem hatte Kretschmer
beim Angriff alle Torpedos verschossen. Später sagte er dazu, daß
er sich in diesem Augenblick so entblößt fühlte, 'wie ein Mann
beim Sonnenbad am Strand'. Beim Rückzug wurde sein U-Boot in
den frühen Morgenstunden des 17. März von der Eskorte des Konvois
entdeckt und durch den britischen Zerstörer 'Walker''
versenkt. Kretschmer geriet in britische Kriegsgefangenschaft.
Otto
Wilhelm August Kretschmer wurde am 1. Mai 1912 als Sohn eines Lehrers
in Heidau/Liegnitz geboren. Er besuchte die Volksschule seines Vaters
und anschließend eine Staatliche Bildungsanstalt. Vor seinem Eintritt
in die Reichsmarine studierte er in England. Frankreich und Italien.
Seine Grundausbildung bei der Marine absolvierte er in Stralsund.
Am 9. Oktober 1930 wurde er zum Seekadett, am 1. Oktober 1934 zum
Leutnant zur See befördert. In den Jahren 1935 und 1936 war er Offizier
einer U-35, die während des Spanischen Bürgerkriegs die spanischen
Gewässer beobachtete.
Nach
der Versenkung seiner U-99 war Otto Kretschmer für den Rest des
Zweiten Weltkriegs Kriegsgefangener im 'Bowmanville Camp'
in Ontario (Kanada), wo er ein System erfand, die Zensur des Camps
zu umgehen, um Nachrichten nach Deutschland zu schleusen. Sein System
war so raffiniert, daß es Kretschmer gelang, ein U-Boot in den St.
Lawrence Fluß zu schleusen. Dort sollte es entflohene Gefangene
aufnehmen. Die Gefangenen wurden zwar gefaßt, bevor sie das U-Boot
erreicht hatten. Aber das Boot war pünktlich am vereinbarten Ort
erschienen.
Aus
der Gefangenschaft wurde Kretschmer 1947 entlassen. Ein Jahr später
heiratete er Dr. Luise-Charlotte Mohnsen-Hinrichs, geborene Bruns.
Er war der erste Präsident des neuformierten Deutschen Marine-Bunds.
1955
trat er in die Bundesmarine ein. Befördert zum Kapitän zur See diente
er in den Vereinigten Staaten, in Frankreich, Belgien, Großbritannien,
Dänemark, Norwegen, Griechenland, Portugal, den Niederlanden und
in der Türkei. Seine Frau ließ das erste U-Boot der Bundesmarine
im Jahr 1962 vom Stapel.
1965
wurde Kretschmer zum Flotillenadmiral befördert. Als Chef des Stabes
war er für die alliierten Marinestreitkräfte Ostsee verantwortlich.
1970 trat er in den Ruhestand. Kretschmer zog sich während des Zweiten
Weltkriegs mehrmals den Zorn seiner Vorgesetzten zu, weil er Funkverkehr
haßte. Seiner Meinung nach gab es viel zu viel Funkverkehr mit U-Booten.
Er vermutete, daß die Alliierten die verschlüsselten Codes der Deutschen
Marine knacken konnten. Dieses Verhalten brachte ihm den Spitznamen
'Leiser Otto' ein.
Während
des Kriegs wurden Kretschmers Erfolge von der Propaganda-Maschine
der Nazis verherrlicht. Er selbst hielt aber keine einzige Propaganda-Rede
und schrieb auch keine Autobiographie für Propagandazwecke. Die
höchste Anerkennung auch bei seinen Gegnern im Zweiten Weltkrieg
gewann Kretschmer durch seine herausragenden Fähigkeiten. 1941 führte
der Anti-U-Boot-Chef der britischen Admiralität, Kapitän George
Creasy, ein persönliches Gespräch mit Kretschmer. Die Erinnerung
Creasys an dieses Gespräch veröffentlichte die englische Tageszeitung
'The Daily Telegraph' (Auflage: 1,084 Millionen) am 22.
August in einem achtspaltigen Nachruf zum Tod von Otto Kretschmer
auszugsweise:
'Ich
war gespannt, selbst zu urteilen, was für ein Typ von Mensch ein
erfolgreicher U-Boot-Kapitän wohl ist. Ich sah einen jungen und
offensichtlich selbstbewußten Kommandanten, der sich angesichts
der schwierigen Umstände seiner Gefangenschaft durch Selbstachtung,
Bescheidenheit und Höflichkeit auszeichnete. Seine Laufbahn war
Beweis seiner Tapferkeit und seines Scharfsinns. Sein Auftreten
und Benehmen waren die eines Offiziers und Gentlemans. Als er mich
nach dem Gespräch verließ, hoffte ich aufrichtig, daß es bei den
Deutschen nicht zu viele Männer wie Kretschmer geben möge.'
-fun - |