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Gerd Kelbling
aus Dießen wird 30 Stunden unter Wasser nie vergessen
Der damalige
Kapitänleutnant entkam 1943 der Falle in der Tiefe: '
Wir konnten
wenigstens reagieren'
Von Christian Mayer
Dießen -
Die 30 Stunden tief unter dem Meeresspiegel, auf der Flucht vor
den Zerstörern der Alliierten, haben Gerd Kelbling niemals losgelassen:
Sein letztes Kommando im Dezember 1943 als U-Boot-Kommandant war
eine Höllenfahrt. Erst in 240 Meter Tiefe gelang es der Besatzung
des von Wasserbomben getroffenen U-Boots, eine Katastrophe abzuwenden.
Und deshalb kann der frühere Kapitänleutnant, der heute in Dießen
lebt, besser als andere nachvollziehen, was die russischen Seeleute
an Bord des Atom-U-Boots 'Kursk' durchleiden - wenn sie überhaupt
noch am Leben sind.

Gerd Kelbling demonstriert mit einem Modell
des U-593,
wie das Boot nach dem Absinken in Schieflage geriet
Foto: Fuchs
Spricht
man den 85-Jährigen auf die Situation der gesunkenen 'Kursk' an, dann
wiegelt er zunächst einmal ab. Doch die Nachrichten über die Havarie
in der Barentssee haben ihn tief aufgewühlt. 'Was mit dem russischen
Atom-U-Boot geschieht, ist viel schlimmer als das, was wir damals
erlebt haben', sagt der schlanke alte Herr nachdenklich: 'Wir konnten
wenigstens reagieren und mussten nicht ohnmächtig auf fremde Rettung
warten.'
Es war in einer für die deutsche U-Boot-Flotte hoffnungslosen Lage,
als der 27-jährige Kelbling den Befehl erhielt, als Kapitän des U-593
vor der algerischen Küste die Geleitzüge der Alliierten anzugreifen.
Im Dezember 1943 kontrollierten Amerikaner und Engländer das südliche
Mittelmeer. 'Wir wussten: der Krieg ist nicht zu gewinnen', erzählt
der gebürtige Schlesier, der in Lübeck aufgewachsen ist. Vom Stützpunkt
in Toulon gelangte das Boot mit seiner 51-köpfigen Mannschaft ohne
Zwischenfälle zum Einsatzort. Trotz eines wolkenlosen Himmels und
einer hellen Vollmondnacht - für U-Boote besonders gefährlich - gelang
es dem U-593, zwei feindliche Zerstörer mit Torpedos zu versenken.
Damit war das Ziel der Operation erreicht.
Die
Antwort auf den Angriff des deutschen Schiffes blieb nicht lange aus.
Was folgte, war eine Verfolgungsjagd, bei der das U-593 mehrfach die
feindlichen Zerstörer abschütteln konnte. Der Kapitän, der kein weiteres
Risiko mehr eingehen wollte, versuchte einen Ausbruch nach Norden:
'Wir standen aber praktisch auf der Stelle, weil nur eine langsame
Unterwasserfahrt möglich war.' Sogar einen Flugzeugangriff konnte
die Besatzung abwehren; doch der Abschuss der Maschine zeigte den
britischen und amerikanischen Zerstörern die genaue Position des U-Boots
- Kelbling und seine Männer saßen in der Falle.
Erst am folgenden Mittag, es war der 13. Dezember, spürten die feindlichen
Zerstörer das U-593 auf - und warfen zwölf Wasserbomben auf die Deutschen,
die abgetaucht waren. Verletzt wurde niemand, aber nun versagte die
Technik an Bord. 'Das Boot fiel durch, bis auf 160 Meter Tiefe gingen
wir runter', fasst Kelbling die Minuten nach dem Einschlag der Geschosse
zusammen: 'Es war die Hölle. Ich hatte nicht mal Zeit, Angst zu spüren.'
Doch es sollte noch schlimmer kommen: Nach einer zweiten Bombenserie
sank das U-593 auf 240 Meter unter den Meeresspiegel ab - obwohl das
Schiff nur bis maximal 220 Meter zugelassen war.
Der Kapitän an Bord seines U-Bootes:
Gerd Kelbling (dritter von rechts)
gibt seiner Besatzung Anweisungen. Die letzte Fahrt vor der Küste
von
Algier fand im Dezember 1943 statt - alle 52 Mann überlebten
trotz
eines massiven Angriffs der Alliierten.
Foto: privat
Es
fällt schwer zu begreifen, was die Männer in diesen Stunden gefühlt
haben, als bis zu 400 Liter Wasser pro Minute in das Boot eindrangen
und das Ende nahe schien. Viele seiner ehemaligen Kameraden, die er
heute noch regelmäßig trifft, konnten auch Jahre nach dieser letzten
U-Boot-Fahrt nicht darüber sprechen. Auch der ehemalige Kapitän gerät
ins Stocken, wenn er von der Rettung aus der ausweglosen Lage erzählt.
Nur dem Mut des zentralen Maats sei es zu verdanken gewesen, dass
das Boot wieder auftauchte. Spontan pumpte der Maat die letzte Pressluftreserve
in die Tauchzellen, obwohl das streng verboten war. Dadurch gewann
das schwer angeschlagene Schiff an Höhe, bis zuletzt die Turmluke
aus dem Wasser ragte. Das U-593 tauchte direkt zwischen einem englischen
und amerikanischen Zerstörer auf. Doch alle 51 Mann konnten sich,
mit Schwimmwesten bekleidet, aus dem U-Boot in die offene See retten;
die alliierten Schiffe, die aus einem Kilometer das Boot unter Beschuss
genommen hatten, stellten das Feuer ein. Wenig später wurde Kelbling
von den Amerikanern aus dem Wasser gezogen, während das U-593 endgültig
auf Grund lief - heute liegt das Boot 3000 Meter unter dem Meeresspiegel
vor der Küste von Algier. Gerd Kelbling bricht noch immer in Glückstränen
aus, wenn er davon berichtet, wie ihm der amerikanische Kommandeur
versicherte, dass seine gesamte Besatzung gerettet worden war. Die
Grausamkeit des Krieges hat Kelbling nur am Rande mitbekommen, aber
die 30 Stunden unter Wasser wird er nie vergessen. 'Es war ein Wunder,
dass wir überlebt haben', sagt der Dießener, der bis 1947 in kanadischer
Gefangenschaft war. |