Augsburger Zeitung
vom
19. August 2000 |
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Mit Gandhi hatte er ein Ziel, aber den anderen Weg |
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Vor 55 Jahren,
am 18. August 1945, geht ein wenig bekanntes Kapitel des 2. Weltkrieges
zu Ende. Der indische Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose stirbt
bei einem Flugzeugabsturz. Unsere Sonderseite schildert seinen Einsatz
für Indien, die Rolle eines deutschen U-Boots und die Verbindungen
zu Augsburg und Schwaben.
Von Robert Deininger
Augsburg
Kiel, der 8. Februar 1943. Am Hafen läuft das deutsche U-Boot U
180 mit 55 Mann unter dem Kommando von Korvettenkapitän Werner Musenberg
aus. Das Boot hat einen Geheimauftrag. An Bord befinden sich der
indische Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose und sein Adjutant
Abid Hasan.
Zweieinhalb Monate später, am 24. April, taucht U 180 im Indischen
Ozean auf, nimmt Kurs auf den in der Nähe wartenden japanischen
Kreuzer I 29 und setzt Bose und Hasan über. Vom japanischen Boot
gehen zwei Marineoffiziere an Bord des deutschen U-Boots. Zwei Tonnen
Gold werden verladen - japanische Entschädigung für geliefertes
deutsches Kriegsmaterial. U 180 kehrt, nach einem kurzen Versorgungsabstecher
in einem japanisch besetzten Stützpunkt, im Juli 1943 zu seiner
Atlantik-Basis im französischen Bordeaux zurück. Ein Jahr später,
am 22. August 1944, läuft es in der Biscaya auf eine Mine und wird
zerstört.
Doch warum die Mission nach Japan? Subhas Chandra Bose kämpfte mit
militärischen Mitteln um die Unabhängigkeit Indiens von Großbritannien.
Damit unterschied er sich von den berühmten Zeitgenossen Mahatma
Gandhi und Jawahrlal Nehm, die um friedliche Lösungen bemüht waren.

Sie waren beide Vorkämpfer für ein unabhängiges
Indien:
Mahatma Gandhi (links) und Subhas Chandra Bose.
Während Gandhi dieses Ziel mit friedlichen Mitteln erreichen wollte,
hatte Bose militärische Pläne.
Bild: privat
Abenteuerliche
Flucht
Bose, Jahrgang
1897, hatte sich am 16. Januar 1941 in einer abenteuerlichen Flucht
aus britischem Gewahrsam aus Kalkutta abgesetzt. Über Kabul und
Moskau ging es per italienischem Diplomatenpass nach Deutschland.
Der charismatische 'Netaji' (Führer), der auch 'König von Bengalen'
genannt wurde, hoffte, mit deutscher Hilfe sein Land von den Briten
befreien zu können.
Als jedoch das Afrikakorps von Feldmarschall Erwin Rommel scheiterte
und die Niederlage deutscher Truppen bei Stalingrad ein Vordringen
nach Indien unmöglich machte, lösten sich Boses Pläne in Luft auf.
3000 indische Freiwillige, zumeist Kriegsgefangene der britischen
Armee in Nordafrika, hatte Bose für seine 'indische Legion' rekrutieren
können. Die Inder wurden unter anderem in Königsbrück bei Dresden
von deutschen Offizieren ausgebildet. Später wurden die 'Tiger'
nach Südfrankreich an den Atlantik verlegt. Gegen Kriegsende gerieten
sie bis nach Deutschland hinein in Rückzugsgefechte, ehe sich die
Einheiten auflösten beziehungsweise von den Franzosen entwaffnet
wurden.
Wenig Sympathie
Zurück zu
Bose. Er wurde nur einmal von Adolf Hitler empfangen. Dieser hatte
für die farbigen Inder wenig Sympathie übrig. Bose, der zuvor Bürgermeister
in Kalkutta war und im englischen Cambridge studiert hatte, musste
bald einsehen, dass er mit Hilfe Hitlers sein Ziel nicht erreichen
konnte. So beschloss er, seine Zelte abzubrechen. Mit dem U-Boot
U 180 ging es nach Japan.
Gegenschlag
der Briten Vom dortigen
Premierminister General Hideki Tojo erhielt er Unterstützung. Er
stellte eine 30.000 Mann starke Armee zusammen, vorwiegend aus Kriegsgefangenen
der Japaner. Doch der Vorstoß war umsonst. Die Briten und ihre Verbündeten
holten zum Gegenschlag aus. Indien wurde erst 1947 unabhängig. Subhas
Chandra Bose erlebte das Kriegsende nicht mehr. Am 18. August stürzte
er mit einem überladenen Flugzeug über der Insel Formosa, dem heutigen
Taiwan, ab. Zwei Wochen später kapitulierten die Japaner. Boses
Urne wurde in Tokio beigesetzt.
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Per Geheimauftrag brachte das deutsche U-Boot
U 180 im Jahr 1943 Subhas Chandra Bose von Kiel nach Japan. Dabei
entstand dieses Foto von Hermann Wien an Deck des U-Boots
Foto: privat
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Fünf unbekannte
Soldaten Indische Legionäre wurden 1945 in Immenstadt beigesetzt
Immenstadt
(R.D.). Als sich in Deutschland das Kriegsende näherte, zogen Reste
der indischen Legion durch Schwaben, besonders durch das Oberallgäu.
Fünf Soldaten wurden in Immenstadt beigesetzt.
Auf dem Friedhof
in Immenstadt steht heute in einem kleinen Ehrenhain ein Steinkreuz
mit der Inschrift: 'Fünf unbekannte Tote 4.5.1945.' Hier sind fünf
Soldaten der indischen Legion begraben, die zur Wehrmacht gehörten
und im Mai 1945 beim Einmarsch der Franzosen von marokkanischen
Truppen erschossen wurden. Ihre Namen konnten nie ausfindig gemacht
werden. Nachrückende amerikanische Truppen ließen zwar das Grab
der Inder von Immenstadter Bürgern öffnen, weil sie darin einen
abgeschossenen US-Flieger vermuteten.
Marken nicht
sicher gestellt
Dabei versäumten
sie es aber, die Erkennungsmarken der Soldaten sicher zu stellen.
Das Grab wird heute von der Stadt gepflegt.

Fünf Soldaten der indischen Legion, die Bose
in Deutschland aufbaute, sind auf dem Immenstadter Friedhof begraben.
Ihre Namen sind jedoch nicht bekannt. Foto: privat |
Zur Person
Für Landsleute
ein Mythos
In den Augen
vieler Inder ist Subhas Chandra Bose ein Mythos. Geboren wurde er
am 23. Januar 1897 in der bengalischen Region Orissa. 1921 ging
er in die Politik. 1938/39 war er Vorsitzender der Kongresspartei.
Im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen Gandhi und Nehru versuchte er,
Indien mit militärischen Mitteln von der britischen Besatzung zu
befreien. 1941 gründete er in Deutschland die indische Legion, die
in die Wehrmacht integriert war. 1943 bildete er
Samstag, 20.10.2007 3:45
INA). Er starb am 18.
August 1945 bei einem Flugzeugabsturz über dem heutigen Taiwan.
AZ
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1998 besuchten Anita Pfaff und ihr Ehemann
Martin die indische Hafenstadt Bombay.
Unser Bild zeigt die beiden
neben einem Portrait von Subhas Chandra Bose. Bild: privat
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Das Land
des Vaters ist ihr ans Herz gewachsen
Die Augsburgerin
Anita Pfaff hat Bose aber nie kennen gelernt - Von der Regierung
erhält sie Einladungen
Augsburg
(R.D.) Ihren Vater hat sie nie kennen gelernt. Und doch 'bin ich
über sein Leben und Wirken, seine tragische Laufbahn und seinen
Tod im Bilde.' Anita Pfaff, Professorin für Volkswirtschaftslehre
an der Universität Augsburg, ist die Tochter des großen indischen
Freiheitskämpfers. Am 29. November 1942 wurde die Augsburgerin geboren.
Ihre Mutter Emilie Schenkl, eine Postangestellte, stammte aus Wien.
In der Familie
etabliert
Dort lernte
sie in den dreißiger Jahren Subhas Chandra Bose kennen. Bose, der
in dieser Zeit auch als Buchautor arbeitete, stellte sie als Sekretärin
an. Zwar wurde sie von vielen Indem aufgrund ihrer Herkunft nicht
anerkannt. Trotzdem schaffte sie es, sich innerhalb der Familie
ihres Mannes zu etablieren. Nach indischem Ritual heirateten die
beiden. Danach gingen sie nach Berlin.
1943 verließ Subhas Chandra Bose Deutschland in Richtung Japan.
Seine Frau sah ihn nie wieder. Sie lebte bis 1996, als sie 86-jährig
starb, bei ihrer Tochter in Augsburg-Leitershofen. Bei Boses Abfahrt
war Tochter Anita erst wenige Wochen alt. Selbst wenn sie keine
persönlichen Erinnerungen an den Freiheitskämpfer hat: Mit Indien
und ihrem Vater hat sie sich viel beschäftigt.
Hohes Ansehen
Auf einer
der Reisen dorthin lernte sie ihren heutigen Ehemann, den Volkswirtschaftler
und Augsburger SPD-Bundestagsabgeordneten Professor Martin Pfaff
kennen. Dieser arbeitete zwischen 1958 und 1962 als Sozialarbeiter
in der Nähe von Bangalore, gründete unter anderem eine Blindenschule.
Welche historische Rolle weist Anita Pfaff ihrem Vater zu? 'Dass
Indien 1947 seine Unabhängigkeit erlangte, das hat das Land den
Frauen und Männern wie meinem Vater, wie Nehru, Gandhi und meinem
Onkel Sarat Bose zu verdanken.' Ihr Vater genieße noch heute hohes
Ansehen in Indien, so die Wissenschaftlerin.
In vielen Häusern hingen Bilder von ihm an der Wand. 'Es gibt Gedenkstätten,
Briefmarken und Münzen mit seinem Bild. Auch Straßen wurden nach
ihm benannt', berichtet die 57-Jährige. Hin und wieder besuche sie
das Land, auch auf Einladung der dortigen Regierung. Heute lehrt
die Professorin Volkswirtschaft an der Uni Augsburg. Erst kürzlich
wurde sie von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse in die Enquete-Kommission
'Demographischer Wandel' berufen. |
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'Er war vornehm
zurückhaltend'
Ein
Zeitzeuge erinnert sich
Augsburg
(R.D.) Die Bilder an der Wand seiner Wohnung verraten viel über
die Ereignisse, die Hermann Wien (84) miterlebt hat. Der Augsburger,
ehemaliger MAN-Chefmonteur, ist eines der wenigen Besatzungsmitglieder
des U-Bootes U 180, das den Krieg überlebte. 1943, bei der abenteuerlichen
Fahrt nach Japan, hat er den Freiheitskämpfer Subhas Chandra Bose
kennen gelernt.
Wien arbeitete auf dem U-Boot als Obermaschinist. Er kann sich noch
gut an den indischen 'Passagier' Bose (siehe oben stehenden Artikel)
erinnern: 'Der Mann war vornehm zurückhaltend. Er wollte kein großes
Aufsehen, sprach aber auch kaum deutsch.'
An Japaner
übergeben
Wien weiter:
'Wir waren froh, dass wir ihn und seinen Begleiter den Japanern
übergeben konnten.' Heute sehen sich die Überlebenden der U-Boot-Besatzung
in unregelmäßigen Abständen. Dieses Jahr ist das Treffen in Bad
Wörishofen vorgesehen. Auch in Augsburg kamen sie schon zusammen.
Das war im Jahr 1985. Damals war auch Anita Pfaff dabei. |

Der 84-jährige Hermann Wien
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