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Besuch bei
dem Marinemaler Claus Bergen / Nelsons Flaggschiff als Präsent für
Kennedy
LENGGRIES
- Die altmodischen Bücherschränke im Atelier sind vollgepfropft
mit maritimer Literatur. In einer Ecke hängen die Fahne eines Torpedobootes
der kaiserlichen Kriegsmarine und Signalflaggen von erbeuteten englischen
Fischdampfern. Auf großen Staffeleien stehen überdimensionale Seebilder.
Sie zeigen Wikingerschiffe. brennende Schlachtkreuzer und Unterseeboote.
Auf dem Schreibtisch stehen bunte Topfe mit Dutzenden von Pinseln
und Photographien von Kaiser Wilhelm II. und Admiral Scheer. Daneben
liegt ein Stapel von Briefen aus Amerika.
Seit die
amerikanische Zeitschrift Life vor einigen Wochen einen Bericht
über den Seekrieg mit Monumentalbildern des deutschen Marinemalers
Claus Bergen illustrierte, wird dieser in seinem Haus im Isarwinkel
von einer Briefwelle aus Übersee förmlich überschwemmt. Die Absender,
vornehmlich Offiziere, Juristen und Ärzte, bestellen historische
Seekriegsbilder 'Aber sechs Meter lange und vier Meter hohe Bilder
male ich heute nicht mehr' sagt der Maler-Professor.
Zwei Wandgemälde
dieses Ausmaßes hat er 1926 im Auftrag Oskar von Millers für die
Schiffahrtshalle des Deutschen Museums in München komponiert, Bilder
von der Schlacht von Salamis bis zum Polarschiff von Drigalski und
der Schlacht im Skagerrak. Diese Kolossalgemälde sind im letzten
Krieg zerstört worden. Weitere sechs Bilder für das geplante U-Boot-Ehrenmal
in Berlin, die im Münchner Haus der Kunst hingen, haben die Amerikaner
als Kriegsbeute mitgenommen und damit die Messen ihrer Marineschulen
ausgeschmückt.
Claus Bergen
ist den Amerikanern deswegen nicht böse. Er hat sogar, kurz vor
dem Attentat von Dallas, dem Präsidenten Kennedy ein Bild von Nelsons
Flaggschiff 'Victory' geschenkt. Auch dem Prinzen Philipp, dem Gemahl
der englischen Königin wollte er ein Bild schicken. Da aber die
Mitglieder des englischen Königshauses keine Privatgeschenke annehmen
dürfen, überließ Bergen das Gemälde der britischen Admiralität.
'In Deutschland
kann man solche Bilder gar nicht herschenken Fast kein Mensch weiß
mehr, wo ich lebe und ob ich überhaupt noch lebe', klagt der 79jährige
Professor; Als Strauß noch Verteidigungsminister war, schrieb ihm
Bergen einen Brief mit der Bitte, die Bundeswehr möge Seebilder
kaufen. Strauß antwortete, dafür habe er kein Geld. 'Nur in der
Marineschule Mürwik hängen noch fünf Bilder von mir', erinnert sich
Bergen.
Er war schon
berühmt, als er noch nicht dreißig war. Das Talent zum Malen hat
Claus Bergen von seinem Vater geerbt, der künstlerischer Leiter
der Gartenlaube war. Vier Wochen nach seiner Geburt in Stuttgart
kam Bergen nach München, wo er als Schüler der Akademie zunächst
Menschen, Häuser, Hühner und eine Fronleichnamsprozession in Südtirol
malte. Außerdem illustrierte er 28 Bände von Karl May. Nach einer
Studienreise in englische Fischerdörfer in Cornwall entschloß er
sich, nur noch Wasser und Schiffe zu malen. 'Diese Motive kann ich
einfach nicht mehr über Bord werfen', sagt Bergen. 'Nur gelegentlich
machte er Seitensprünge mit dem Pinsel So malte er die Dreidecker-Staffel
von Richthofen. 'Flugzeugträger interessieren mich nicht. Das sind
keine Schiffe, sondern schwimmende Kasernen.'
In den beiden
Weltkriegen betätigte sich Bergen, der nie Soldat war, 'auf eigenen
Wunsch und eigene Verantwortung' als Marinemaler. 'Aber ein Propagandamaler
bin ich nicht. Goebbels hat von mir zweimal einen Korb bekommen.'
Claus Bergen war 'Badegast' auf über 50 Kriegsschiffen. Da er dabei
nur kleinere. Gefechte miterlebte, studierte er Kriegstagebücher,
Pläne und Karten und interviewte Dutzende von Augenzeugen. Die realistische
Darstellung von krepierenden Granaten und Einschlägen lernte er
als Augenzeuge von Scheibenschießen der Marine. Er hat viele Schiffe
gemalt, die er nie gesehen hatte. Er meint dazu: 'Menzel hat ja
auch keinen Friedrich den Großen gesehen.'
Mit Stolz
erinnert sich Bergen an das Jahr 1918, als eine große Ausstellung
seiner Werke im Münchner Glaspalast zu sehen war. 'Damals habe
ich König Ludwig III. persönlich herumgeführt. Die Ietzte Kollektion
seiner Bilder hat Bergen vor etwa zehn Jahren gezeigt, als er noch
Mitglied der königlich-privilegierten Münchner-Künstlergenossenschaft
von 1868 war. Zwischen den beiden Weltkriegen wurden seine Bilder
in München, Nürnberg, Augsburg, Hannover, Laboe, Berlin, Kiel, Wllhelmshaven,
Flensburg, Brooklyn, Barcelona, Amsterdam, Chicago, Buenos Aires,
New York und Paris gezeigt.
Professor
Bergen weiß nicht, wie viele Seebilder er gemalt hat. 'Ein paar
tausend sind's bestimmt', überlegt er. Allein von der Skagerrak-Schlacht,
die sich am 31. Mai zum 48. Mal jährte, entstanden einige hundert.
Admiral Hipper, der in Weilheim begraben ist, hatte nach der Schlacht
die deutsche Flotte 'streng geheim noch einmal auslaufen lassen,
nur damit Bergen seine Bilder malen konnte.
Carl
Hupfer |