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Heiteres
und Besinnliches aus
zwei Jahren
Vorkriegs-U-Bootzeit auf den
Booten U-2 und U-7 der
Unterseebootsschulflottille in
Neustadt/Holstein 1937 - 1939
von
Hermann
Wien, Augsburg
Mitglied
der UK München
Gerne erinnere
ich mich meiner zweijährigen Fahrenszeit, zunächst unter 3 Kommandanten
auf U-2 sowie auf U-7 unter weiteren 2 Kommandanten, vom 3. Juli
1937 bis zum Beginn des Krieges. Das erste Jahr meiner Bordzeit
verbrachte ich zunächst als junger E-Maat, später als Dieselmaat
auf U-2. Im folgenden Jahr wurde U-7 meine Heimat.
Zur damaligen Zeit war die U-Schule in Neustadt gerade 1 Jahr alt
geworden, alles war noch im Werden begriffen. Wir wohnten auf dem
zum Wohnschiff umgebauten 'Weltkrieg-I-Kreuzer' 'Amazone'. Erst
viel später bekamen wir ein besseres Zuhause, als 1938 die Wohnkasernen
fertig wurden.
Bekanntlich waren die Schulboote U-1 bis U-6 250 to groß und 40,9
m lang, der U-Boot-Typ IIA. Es gab hier nur einen Wohnraum für alle,
einschließlich für den Kommandanten und den L.I.. Eine Ausnahme
bildete der 'Schlafraum': Immer mit Motorenmusik bei Überwasserfahrt,
achtern von der E-Maschine nur durch einen Vorhang getrennt.
Auf U-2 war dieser Raum ausschließlich für Maschinenbesatzung reserviert,
deshalb wohl auch der sinnvolle Spruch am Eingang: 'Der Heckraum
ist kein Gästehaus, er ist kein Hort für laute Sachen, hier ruhen
die 'Monteure' aus, die im Achterschiffe wachen.' (Von unserem Borddichter
Ob.Masch.Mt. Otto Schneider verfaßt, von dem noch mehr folgen wird.)
Nicht nur aus Gründen der räumlichen Gegebenheiten waren wir eine
richtig kleine Familie, welche sich gut verstand, sondern auch aus
gegenseitiger Achtung und Rücksichtnahme (21 Mann Besatzung).
Kapitänleutnant Heinrich Liebe war damals unser Kommandant. Ein
stiller in sich gekehrter, gerechter Offizier und, so wie wir ihn
alle erlebten, ein Könner in seinem Fach. Ganz sicher hat er viel
von seinen Kenntnissen an seine Kommandanten-, WO- und Steuermannsschüler
weiterge-geben. Wir alle von der Besatzung waren bestrebt, im gleichen
Sinne zu wirken, denn die Ausbildung aller an Bord kommenden U-Bootschüler
war ja unsere Aufgabe. Sieht man von jeweils in 1/2-jährigem Turnus
eines Torpedo-Schießababschnittes in Flensburg und einer Flottillenübung
in der Nordsee ab, so war in der Hauptsache die Lübecker Bucht unser
'Operationsgebiet'. Jedes Boot hatte sein Tauchquadrat.
Der wöchentliche Dienstplan: 8 Uhr Auslaufen, mit 10 - 15 Schülern
an Bord. Bis zur Mittagszeit wurde alles trainiert was erforderlich
war. Simulierte Angriffe, Alarmtauchen, Tiefensteuern, Trimmen,
Fluten, Lenzen und vieles mehr, zumeist ein vorgegebenes Programm.
Nach dem Auftauchen Mittagessen in mehreren Törns, viel Arbeit für
den Smut in der kleinen Kombüse, für manchmal 40 Mann!
An schönen Sommertagen ging's mitunter vor Anker und Freischwimmer
außenbords. Da passierte es doch mal, daß nach dem 'Anker auf gehen',
der Kommandant vergessen wurde. Was für ein Schreck für den, beim
Sehrohr-Rundblick die 'weiße Kommandanten-Mütze im Bach' schwimmen
zu sehen. Ganz schnell wurde angeblasen und der 'Schiffbrüchige'
an Bord genommen. Das Ereignis war erheiternder Gesprächsstoff in
der Flottille. Es sei vermerkt, dies geschah nicht auf U-2, jedoch
sei das Boot und Kommandant nicht genannt; er wurde sehr erfolgreich
im Kriege und ist, so hoffe ich, bei noch guter Gesundheit.
Bereits im Herbst 1937 war auf U-2 Kommandantenwechsel, was wir
alle bedauerten, denn Kptl. Liebe hatte bei uns allen seinem Namen
alle Ehre gemacht. Ein Kommandantenwechsel auf einem so kleinen
Boot birgt immer Ungewißheiten in sich. Gelassenheit und Vertrauen
sind dabei wohl die Hauptfaktoren, welche wir alle versuchten dem
'Neuen' entgegenzubringen.
Wir konnten damals noch nicht erahnen, was für einen guten, neuen
'Alten' wir mit dem Oblt.z.See Schultze Herbert bekamen. Einige
Wochen später kam dann noch unser neuer L.I., Ltn.Ing. Klaunig,
zu uns, ein waschechter, sehr lustiger Kieler und ein Könner seines
Faches! Damit war für längere Zeit U-2 komplett. Wenn ich all die
Kameraden und Vorgesetzten so in der Stille an mir vorüberziehen
lasse, so denke ich, wie froh und unbeschwert wir doch alle waren,
damals! Mein damaliger Obermaschinist Hans Ziegenhagen, ein froher
und guter Mensch, ein echter Berliner, weitgehendst bekannt in der
U-Boot-Waffe, ist mir unvergeßlich.
Mit unserem neuen Kommandanten Schultze H. ließ sich alles gut an.
Er war nicht nur ein guter Vorgesetzter, sondern auch ein Mensch,
der für jeden seiner Besatzung immer ein gutes Wort, und auch sonst
in allen Lebenslagen, viel übrig hatte. Man konnte mit allen Problemen
zu ihm kommen, wo er helfen konnte, tat er das. Ich erinnere mich
eines Vorfalles. Im Tauchquadrat hatte sich U-2 in einem Fischernetz
'vertütelt', das Netz wurde dabei beschädigt. Mit der Ruhe selbst
konnte er auf seine Weise zur Zufriedenheit beider Seiten alles
in Ordnung bringen.
Er war ein väterlicher Kommandant in jeder Hinsicht. Er gab uns
Ermahnungen, wenn wir mal übers Wochenende nach Lübeck fuhren oder
abends nach Dienstschluß zu einem 'Kurzausflug' nach Grömitz oder
Scharbeutz. Wie hieß doch damals der Slogan? - 'Wer sich in Grömitz
erholt, ist selbst dran schuld'. Zu diesen nicht immer unproblematischen
Dingen für einen Seemann gab er uns so manch guten Ratschlag. Wo
jedoch Schultze H. den Namen 'Vati oder Vaddi', welcher zum Begriff
für ihn in der ganzen U-Bootwaffe wurde, her hatte, darüber wird
wohl heute noch gerätselt. Ich jedoch meine, dies ist zurückzuführen
auf seine Vorkriegskommandantenzeit auf U-2. Ich nehme mit Sicherheit
an, daß dieser Name von unserer damaligen Seem. Nr. 2, Otto Petzokat
(Ein waschechter Ostpreuße), und unserem Zentralemaat Schorsch Pfitzner,
welche Schultze H. mit auf U-48 nahm, mit nach dort genommen wurde.
Petzokat war dann Nr. 1 auf U-48 und mein Freund Schorsch Pfitzner
(Ein waschechter Breslauer) - wie sollte es anders sein - Zentralemaschinist.
Wie kam's zu dem Namen 'Vati Schultze'? Eine nicht alltägliche Begebenheit,
insbesondere auf einem U-Boot, welche wir damaligen U-2-Fahrer alle
miterlebten, war sicher ein Grund oder besser gesagt der Grund überhaupt,
wie es zu diesem Namen kam. Es war schon Ende Oktober oder vielleicht
auch schon November 1937, als wir nach einer kurzen Werftzeit bei
den Deutschen Werken in Kiel den Rückmarsch nach Neustadt antraten.
Ein klarer Tag, aber schon empfindlich kalt, mit mäßiger Brise.
Wir hatten Laboe noch nicht ganz passiert, als wir uns in der Maschine
zunächst die Manöver Stopp-Halbe-Zurück-Stopp u.s.w. nicht erklären
konnten.
Sehr bald hatte es sich überall herumgesprochen: mitten in der Förde
schwamm ein Rehbock! Alles was jetzt kommt, spricht doch wohl für
den fürsorglichen Sinn unseres 'Alten'! Das Dingi wurde ausgesetzt
mit unserer Seem. Nr.1, dem alten erfahrenen Bootsmann Fred Wiskant
und einem ebenso guten Seemann! Für beide war es nicht einfach,
an den störrischen Bock heranzukommen. Mit dem in Lee des Bootes
paddelnden Dingi konnte das vor Nässe triefende Tier zunächst ins
Dingi und von dort letzten Endes aufs Boot gehievt werden. Durch
das jetzt geöffnete Kombüsenluk wurde der sehr aufgeregte Bock mit
Tampen, diese gegen Verletzung mit Tüchern umwickelt, ins Bootsinnere
gelotst. Es bedurfte noch vieler Mühe, bis 'Hansi' - es ist nicht
mehr bekannt, wer ihm den Namen gab - durch die Zentrale auf eine
Koje in den Bugraum bugsiert werden konnte. In warme Tücher gehüllt
mit 2 'Aufsichtsehleuten' ging die Fahrt weiter nach Neustadt.
Nach unserer Ankunft hatte es sich sehr schnell nicht nur in der
Flottille sondern auch in Neustadt herumgesprochen, was für eine
tierliebende Besatzung wir seien. Fragen über Fragen, das Wie und
Wo sich dies alles ereignete, wollten nicht enden. Für längere Zeit
war der Rehbock das Tages-gespräch. Noch am selben Tage nach dem
Einlaufen ging die Bordgemeinschaft mit 'Hansi' dem Rehbock zu Ende.
Nach Verständigung des Forstamtes in Neustadt nahm der Oberförster
den seltsamen 'U-Bootsgast' in Empfang. Der Rücktransport aus dem
Boot verlief keineswegs unproblematischer als das 'Anbordkommen'.
Ein 'Übriges' tat dabei noch unsere Seem. Nr.2, Ob.Mt. Petzokat,
er 'pfiff Seite'.
Damit war diese Geschichte noch keineswegs zu Ende. Die 'poetische
Ader' unseres Ob.Masch.Maates Otto Schneider, genannt 'Zodl', spielte
dabei die weitere Rolle. Er konnte über alle Dinge aus dem Stegreif
die besten Gedichte machen. So konnte er es auch über den Rehbock
nicht lassen. Mit entsprechenden Fotos gingen die poetischen Ergüsse
ab an die 'Grüne Post' in Berlin. Die Reaktionen waren überwältigend.
Zuschriften über Zuschriften erreichten uns - in der Hauptsache
von jungen Damen, mit der Bitte um Mützenbänder. Niemand war davon
ausgenommen vom Kommandanten bis zum Seemann.
Zwei hübsche Mädchen waren besonders hartnäckig, diese wollten unbedingt
den Autor in Berlin haben. Nachdem aber unser 'Zodl' jung und glücklich
verheiratet war, wurde daraus nichts. Die Suche nach 2 Junggesellen
war bei einer so kleinen Bootsbesatzung kein Problem, es traf meinen
Kameraden Fritz Eheleben und mich. Von all dem wußte natürlich unser
Kommandant. Die Korrespondenz zwischen Elfi und mir sowie zwischen
Susanne und Fritz entwickelte sich. Inzwischen war es Frühjahr geworden.
Ostern stand vor der Tür und für uns beide die Einladung nach Berlin.
In der Ostervorwoche, war nach dem Einlaufen die ganze Besatzung
im Bugraum versammelt. Unser Kommandant sprach zu uns allen. Insbesondere
kam er nochmals auf unser gemeinsames Erlebnis mit unserem 'Rehbock-Badegast'
zurück. Nicht unerwähnt blieb unser reger Briefverkehr mit Berlin.
'Zwei 'Repräsentanten' haben es geschafft und sind nach Berlin eingeladen
worden.' - und er hoffe, daß Maat Eheleben und Maat Wien unser Boot
dort anständig und würdig vertreten würden, meinte unser 'Alter'
nicht ohne Humor. Gleichzeitig ließ unser Kommandant durchblicken,
daß seine Zeit auf U-2 nicht mehr allzu lange dauern würde. So freudig
uns der erste Teil seiner Ausführungen stimmte, so betroffen waren
wir, daß 'Vati Schultze' uns bald verlassen würde. Uns beide nahm
er dann nochmals zur Seite, gab uns Ratschläge, eben wie ein guter
Vater seinen Söhnen! So dürfte Oblt.z.See Herbert Schultze, seinen
'väterlichen Namen' auf U-2 bekommen haben.
Wir hatten
doch etwas Bammel, als wir den D-Zug nach Berlin bestiegen - eine
Fahrt ins Ungewisse. Mit einem kurzen Frühstück und 2 Cognacs im
Speisewagen waren die Beklemmungen bald behoben. Wir rollten weiter
nach Berlin, wo wir am frühen Nachmittag ankamen. Im D-Zuggang,
beim Einlaufen in den Bahnhof, peilten wir die Lage. Beide Mädchen
auf dem Bahnsteig taten das gleiche. Sie hatten uns erkannt und
winkten, beim Aussteigen ein Händeschütteln, so war der Treff perfekt:
die Stimmung war gut, es konnte alles seinen Gang nehmen. Zunächst
zum Kaffee bei den Eltern von Elfi, verbunden mit einem Gespräch
über das auslösende Erlebnis unseres Besuches. Sehr liebe, nette
Herrschaften die Eltern von Elfi. Ein abendlicher Bummel über den
Kurfürstendamm war der Abschluß des Karfreitags, ein herz-hafter
Gute-Nacht-Kuß vor unserer Pension, das war der erste Tag.
Anderntags hatten unsere beiden 'Berliner-Puppen' alles bestens
vorbereitet. Zunächst waren wir zu Gast bei Susannes Eltern bei
einem köstlichen Mittagessen und einer gemütlichen Kaffeerunde.
Gesprächsstoff gab es genug, war doch der Papa Mariner im 1. Kriege
gewesen. Am Abend - nach einem nochmaligen Bummel über den 'Kudamm'
- ging's in die Scala. Seite an Seite mit unseren beiden Hübschen
genossen wir das Weltstadt-Varieté-Programm. Nach einem kurzen Imbiß,
ging's mit mächtigen Schritten ins 'Haus Vaterland'. Na da war was
los. Damals waren der Swing und der Lambert-Walk 'sehr in', so würde
man heute sagen. Obwohl nicht gerade gerne gesehen, von 'damaligen
Genossen', scherte uns das kaum. Vielmehr für uns Mariner gerade
richtig zum Austoben, wo wir doch aus der Provinz nach Berlin kamen.
Sehr lange haben wir in dieser Nacht das Tanzbein geschwungen. Wir
erlebten noch einen schönen Sonntag im Zoo und genossen unseren
Aufenthalt mit unseren Mädchen in Berlin. Mich verband noch eine
lange Freundschaft mit Elfi. Noch so manche Briefe wurden gewechselt,
aber es kam dann doch anders.
Der 2. Kommandantenwechsel
stand bereits im Monat Mai 1938 an. Zu uns kam unser 3. Kommandant,
Obltn.z.See Hans Rosenbaum. Erst im Oktober 1939 begegnete ich 'Vati
Schultze' in Kiel bei der U-Flottille Wegener wieder, als er mit
U-48 von seiner 1. erfolgreichen Feindfahrt zurückkam. Wie ging's
weiter mit unserem neuen Kommandanten? Wie seine Vorgänger war er
ein Könner, wie alle Schulboot-Kommandanten temperamentvoll und
nicht ohne 'die Portion Humor'. Noch nicht ahnend, daß meine Zeit
auf U-2 bald zu Ende sein würde, so möchte ich doch noch 2 Erlebnisse
- keine alltäglichen - schildern. Noch in der ersten Maienhälfte
stand die Verabschiedung unseres langgedienten Bootsmannes, welcher
allseits sehr beliebt war, an. Unsere Seem. Nr.1, Fred Wiskant,
sollte einen würdigen Abschied bekommen. Es sei noch vermerkt, daß
er aber erst zu Ende des Monats aussteigen würde. Es war ein Sonntag
zu Mittag im Bugraum. Unser Koch, Ferdinand Ahnefeld, ließ seiner
Kunst freien Lauf und sorgte für ein vorzügliches Mittagessen. Wir
saßen alle gut gelaunt beieinander, insbesondere auch deshalb, weil
dabei das Becks-Bier, sowie die scharfen Sachen nicht zu kurz kamen.
Für diesen Sonntagabend stand um 22 Uhr seeklar im Dienstplan, da
wir am Montag früh zum Arbeitsbeginn wegen einer Motorenangelegenheit
in der Werft DW-Kiel sein sollten. Vom Kommandanten war gegen 16
Uhr 'Ausscheiden' mit der Feier befohlen. Es war jedoch kaum feststellbar,
ob sich alle daran hielten.
Wir liefen um 22 Uhr aus. Um 23 Uhr wurde getaucht und erst nach
Mitternacht wieder aufgetaucht, also 2 Tauchtage auf einmal. Auftauchen
und die Reise ging weiter in Richtung Fehmarnsund. Alsbald wurde
die Freiwache im Bugraum als auch wir in der Maschine von einem
außergewöhnlichen Geräusch auf geschreckt. Das hörte sich an, wie
das Schrammen eines Drahtseiles bzw. einer Kette am Bootskörper.
- Zum Schluß ein metallischer Knall. Der Maschinentelegraf ging
auf Stopp.
Was war geschehen? Wir kamen steuerbordseitig in der schmalen Fahrrinne
des Sunds der Bojenbegrenzung zu nahe und erwischten mit der Schraube
das Seil der Bojenverankerung. Mit der Ruhe im Boot war's nun vorbei.
Was dann kam, hat viel Geduld sowie seemännisches als auch technisches
Können erfordert. Eine zwar harte aber gelungene Zusammenarbeit
zwischen Schiffsführung und Maschine führte zum Erfolg. Natürlich
gehörte auch 'die Portion Glück' dazu. Mit beginnender Morgendämmerung
kamen wir frei. Weder Schraube noch Tiefenruder waren beschädigt.
Das war ein allgemeines Aufatmen und es gab keine Schuldzuweisung.
Ich glaube eine solch kameradschaftliche Zusammenarbeit gab's nur
bei uns U-Bootfahrern.
Wonnemonat
Mai, der Monat mit dem Feiertag Christi Himmelfahrt. Der Vatertag
war in Sicht. Obwohl wir Unteroffiziere von Maschine und Zentrale
noch keine Väter waren, einschließlich des L.I., wollten wir es
diesmal ganz genau wissen. Vorbereitungen waren im Gange, jedoch
hing alles davon ab, ob wir für dieses Unternehmen Zivilerlaubnis
bekommen würden. Zur damaligen Zeit war dies die große Ausnahme,
'Bürger in Uniform' gab's damals nicht!- Unser L.I. jedoch machte
es möglich, mit seinem guten Draht zum Kommandanten. Dieser meinte,
'in Anbetracht der guten Zusammenarbeit bei unserer Havarie im Fehmarnsund
gäbe er gerne die Genehmigung'. Am Himmelfahrtsmorgen, einem strahlenden
'Sonnentag', ging's in Zivil und 'Kreissäge' an Bord zu
einem kräftigen Frühstück. Unser Festtagswagen - ein Pferdefuhrwerk
mit zwei strammen Rössern, der Liese und dem Fritz und mit dem humorvollen
alten Fuhrmann Pieter - stand bereits auf der Pier.
Mit viel 'Hallo' bestiegen wir den mit frischem Grün geschmückten
Wagen - versehen mit zum Tage passenden Sprüchen und Karikaturen
und dem nötigen frischen 'flüssigen und festen Proviant'. Unbeschwert
ging's durch Neustadt mit frohem Winken der Daheimgebliebenen, auch
vorbei an der Wyksberg-Kolonie, dem Wohnort unserer verheirateten
Bootskameraden. Lieder wurden geschmettert mit Schifferklavierbegleitung.
Wo's uns gefiel, ein Kurzaufenthalt, mit frischem Trunk in irgendeinem
'Dorfkrug'. Da kam allerhand zusammen bis zum späteren Mittag in
Scharbeutz.
Nicht nur wir waren neu gestärkt durch eine kräftige Erbsensuppe
im 'Piratenkeller' der Scharbeutzer Strandhalle, sondern auch unsere
Rösser Liese und Fritz waren durch den Hafersack wieder in Schwung
gebracht. So begann der Rückmarsch. Wenn auch 'die Helden' müder
wurden, gab's ein 'unverhofftes Hallo' beim Zusammentreffen mit
etwa dem gleichen Gefährt unserer Flottillen-Kameraden von U-3.
Im 'Geleitzug' mit unterschiedlicher Stimmung, Lachen und Humor
auf der einen Seite, der 'in Sich-Gekehrten' auf der anderen, ging's
nach Hause. Wie gerne erinnerten wir uns alle in späteren Jahren
dieses unbeschwerten Erlebnisses.
Im Juli 1938
wurden von mehreren Besatzungen der Schulflottille Kameraden für
das neu zu unserem Verband kommende Boot U-7 abkommandiert. Dazu
gehörte auch ich, nach 1 Jahr Fahrenszeit auf U-2. Wir waren wohl
alle zusammengewürfelt, jedoch kannten wir uns von unseren Booten.
Schon bald danach, als wir das Boot von der U-Flottille Weddigen
in Kiel abholten, waren wir unter unserem Kommandanten Obltn.z.See
Salmann, welcher ursprünglich von der christlichen Seefahrt kam,
und unserem L.I. Menne Mennhorn, eine gute Crew. Es ließ sich alles
gut an, denn der neue 'Alte' war ein besonnener, ruhiger Mann und
wie es sich weiter zeigte, ein Könner.
U-7 war ein Typ IIB-Boot, etwa 2m länger, mit einem größeren Bunkerinhalt
als die Boote U-1 bis U-6. Sonst alles wie gehabt bis auf einen
größeren Aktionsradius. Unsere Aufgabe, zukünftige U-Bootfahrer
auszubilden, ging weiter. Inzwischen waren die neuen Kasernen der
U-Bootschule für die Bootsbesatzungen fertig geworden. Wir konnten
unser Wohnschiff, die alte 'Amazone', verlassen.
Wir hatten 2 schöne Sommermonate, wo auch die Freizeit mit heiteren
Erlebnissen sowohl in unserer kleinen Garnisonsstadt als auch an
den Stränden der Lübecker Bucht nicht zu kurz kamen. Zu Beginn des
Monats September jedoch zogen dunkle Wolken am politischen Horizont
auf.
Im März
1938 schlug die Begeisterung sowohl bei uns als auch bei unseren
Brüdern in Österreich hohe Wellen - nach dem Einmarsch und der Angliederung
unseres Nachbarlandes an das Deutsche Reich. Der mit Skepsis von
unseren europäischen Nachbarn betrachtete Vorgang kam uns damals
kaum zum Bewußtsein. Im Monat September desselben Jahres stimmte
uns der Vorgang ums Sudetenland doch nachdenklicher. Etwa in der
2. Monatshälfte ging folgender Befehl an alle Boote der Flottille:
'Auslaufen - Kiel-Marinearsenal - Übernahme scharfer Torpedos und
Gefechtspistolen - kriegs-mäßige Ausrüstung.' Die bevorstehende
Ungewißheit vermittelte uns allen kein gutes Gefühl.
Unser Kommandant war gerade auf Heiratsurlaub. Trotzdem liefen wir
nach Kiel, mit dem Kptltn. Viktor Schütze als Vertreter, ein ruhiger
und besonnener Offizier. Nach beendeter Ausrüstung in Kiel kam noch
rechtzeitig Obltn. Salmann nach unterbrochenem Heiratsurlaub zur
Weiterfahrt nach Wilhelmshaven. In den U-Bootkasernen begann das
'große Warten', die Krise ums Sudetenland war in vollem Gange. Optimismus
und Pessimismus wechselten bei uns. In Radio und Presse wurde alles
genauestens verfolgt. Das ungewisse Warten wurde durch Maschinendienst,
Seemannschaft, Sport oder einen Skat in der Freizeit verkürzt.
Nach der Unterzeichnung des Münchener Abkommens am 29.9.38 wurde
die 'Aktion' abgeblasen. Wer konnte damals ahnen, in welcher Weise
die europäischen, alliierten Großmächte dem 'Großmachtstreben' Hitlers
damit Vorschub leisteten. - 'Sind wir noch einmal davongekommen?'
waren unsere Gedanken.
Jung und voller Tatendrang waren wir auf der Rückfahrt schon bald
wieder die Alten. Bei unserem Nachtmarsch durch den KW-Kanal wurden
wir nach ausgiebigem 'Typhon-Spektakel' und vollem Scheinwerferlicht
mit wehenden Bettüchern von den Mädchen der Kolonialschule-Rendsburg
begrüßt.
Nach Rückgabe der Waffen im Arsenal in Kiel hatte uns Neustadt wieder.
Jeder war froh, besonders die verheirateten Kameraden.
Apropos Neustadt.
Neustadt i. Holstein war damals ein kleines, nettes, verträumtes
Städtchen. Nachdem die U-Bootfahrer 1937 dort Fuß faßten, mußten
sowohl wir Soldaten als auch die Bevölkerung sich erst daran gewöhnen.-
Die Lokalitäten, wo insbesondere zu den Wochenenden immer etwas
los war, mit vielen netten Mädchen, sind uns wohl allen in bester
Erinnerung geblieben. Die idyllische Hafeneinfahrt mit dem verträumten
Jungfernstieg, der Weg zur Seeburg und Strandhalle - ein Eldorado
für Verliebte - war die Keimzelle so mancher Ehe. Nicht zu vergessen
die Endstation vor dem Bereich der Unterseebootschule, Gustav und
Mutti Röhrs 'Tankstelle', wo's nicht nur Benzin gab!
Nicht wenigen
wird in Erinnerung sein, wenn in lauen Sommernächten der 'verliebte
Seemann' die Zeit am Jungfernstieg vergaß und damit keine andere
Möglichkeit blieb, die U-Bootschule schwimmend zu erreichen. Keiner
ertrank dabei. Bevor's Zapfenstreich war, kamen alle gut an!- Alles,
auch das Einleben in eine Garnisonsstadt, dauert seine Zeit, mitunter
geht's nicht ohne Pannen ab. Wohl insbesondere die älteren Bürger
der Stadt konnten sich wohl kaum etwas auskommen lassen, jetzt überhaupt
nicht mehr, seit die 'Mariner' ihr Domizil hier hatten.
Was uns allen
auffiel, waren die Fensterspione an nahezu allen Häusern der Stadt,
insbesondere in der Hauptstraße. Eines Morgens machten die Bewohner
der Hauptstraße eine nicht angenehme Feststellung. Mit einer neutralen
Farbe war ein Großteil bestrichen und bei so manch anderem stimmte
der 'Blickwinkel' absolut nicht mehr. Diese Tat fand sogar ihren
Niederschlag im Neustädter Tageblatt. Das Rätselraten über den oder
die Täter dauerte länger, jedoch wurde die Lösung nie gefunden.
Wie ging's
weiter auf U-7? Inzwischen waren wir gut aufeinander 'eingetrimmt'.
Der Herbst 38 hatte begonnen, die Ausbildung künftiger U-Bootfahrer
nahm ihren Fortgang. Ein zünftiger Bord- und Kegelabend der ganzen
Besatzung mit unserem allseits beliebten Kommandanten und unserem
lustigen L.I., Ltn.Ing. Menne Mennhorn, im 'Deutschen Kaiser' zu
Neustadt war für uns alle ein kameradschaftlich schönes Erlebnis.
Mit dem Monat Dezember begannen die Urlaubsvorbereitungen. Wie bei
allen kleinen Kommandos Urlaub in zwei Törns. Mein 1. Urlaub als
U-Bootfahrer.
Allzu schnell
gingen die Urlaubstage vorbei - und wir hatten das Jahr 1939! Trotz
der kalten Wintermonate jeden Tag ins Tauchquadrat, wir hatten ja
Routine. Das Jahr schritt voran und mit ihm die politischen Spannungen.
Höhepunkt war zunächst der 15.3.39, als Böhmen und Mähren deutsches
Protektorat wurden.
Heute lehrt
die Geschichte: es war Gewalt. Trotzdem sei heute die Frage erlaubt,
wer hat dem 'Braunauer Gefreiten' denn den Weg dazu geebnet? Man
denke nur an das 'Münchener Abkommen' etwa 1/2 Jahr vorher. Uns
Soldaten wurde das damals nicht bewußt.
Die Monate
gingen dahin, der Sommer nahte, Spannung lag in der Luft. Für uns
von U-7 bahnte sich jedoch ein heiteres Erlebnis an, dabei sah es
zunächst gar nicht danach aus. Trotz eines schönen Sommertages hatten
wir sehr kabbelige See und eine steife Brise in der Lübecker Bucht.
Während der Fahrt am Nachmittag vom Tauchquadrat in Richtung Neustadt
kamen aus heiterem Himmel unverhofft Maschinenkommandos, welche
wir uns zunächst kaum zu deuten wußten. 'Stopp - 2 mal Halbe zurück
- Stopp - Langsame voraus - Stopp u.s.w.'. Nach einer gewissen Zeit
nahmen wir langsame Fahrt auf.
Unser Zentralemaat
Seppl Grebenar kam ans Maschinenschottfenster und winkte mich in
die Zentrale. 'Seppl schau mal nach oben', so meinte er. Auf der
Brücke, so halb über dem Turmluk, waren lange, schöne Damenbeine
in einem nassen Badeanzug zu erblicken, die Dame soweit es ging,
zum Schutz gegen den Wind in eine Decke gehüllt. Das war der Blick
nach oben. Was war geschehen?
Mast- und
Schotbruch bei einer nicht gerade kleinen Segelyacht, dazu noch
eine nicht unerhebliche Schlagseite. Unser Kommandant, ein erfahrener
Seemann, manövrierte so, daß die Yacht bei uns in Lee längsseits
kam. Zwei Seeleute stiegen über und halfen dem 'Freizeitkapitän',
dem Ehemann der 'Schiffbrüchigen' (inzwischen mit heißem Tee versorgt),
die Schlagseite zu beseitigen. Im Schlepp von U-7 ging's dann zur
Bootsbrücke nach Grömitz.
Dort standen
viele Menschen, winkten uns zu und klatschten Beifall. Nach dem
Einlaufen rief uns der 'Alte' alle in den Bugraum. Nach der Erklärung,
wie das alles gelaufen war, sprach er folgendes: 'Wir alle sind
am Sonnabend von dem Fabrikantenehepaar als deren Gäste in die Strandhalle
nach Grömitz eingeladen, dazu für uns alle 'Anzug-Hübsch' und gute
Stimmung.' Jetzt klatschten wir unserem Kommandanten Beifall.
Da saßen
wir nun zunächst alle an einer 'großen Back' mit dem geretteten
'Mastbruchseglern' an einem schönen Sommerabend in der Strandhalle.
Der Chef und Besitzer des Hauses, Otto Sachau, sprach verbindliche
Worte über die tatkräftige Hilfe der U-Bootbesatzung bei dem Segelunfall
und bedankte sich im Namen aller Gäste. Uns traf so manch anerkennender
Blick. Im üb-rigen war man sehr bemüht um unser 'leibliches Wohl'.
Es wurde viel erzählt, gelacht, getrunken und getanzt in dieser
Nacht. Eine hervorragende Tanzkapelle sorgte für Stimmung. Insbesondere
der Schlagzeuger 'Teddy', ein 2-Zentnermann, ein wahrer Virtuose
in seinem Metier, war mit seinen humorvollen Einlagen unübertrefflich.
Waren das frohe Stunden mit Tanz und Flirt bis fast der Morgen graute.
'Sag mal
Seemann', so nahm mich ein Badegast mittleren Alters in der 'Seehund-Bierbar'
der Strandhalle bei einem frischen Glas beiseite, 'habt ihr Jungs
eigentlich keine Angst?' - 'Wovor Angst?' war meine Antwort.- 'Mein
lieber Junge, es ziehen düstere Wolken über Deutschland auf. Dir
und allen Deinen Kameraden von eurem Boot für die Zukunft alles
Gute!'
Das Fest
ging zu Ende, der Alltag nahm wieder seinen Lauf. Öfter als ich
es wollte, kamen mir diese Worte in den Sinn, in dem nun bald zu
Ende gehenden Sommer. Ungewißheit und Spannung lagen in der politischen
Atmosphäre, es wetterleuchtete. Am 1. September Beginn des Polenfeldzuges,
am 3.9.39 die Kriegserklärung Großbritanniens und Frankreichs.
Wir waren
alle davon nicht nur betroffen, sondern auch getroffen. Am 15. September
wurde ich zur U-Flottille 'Wegener' (später 7.U-Flottille) nach
Kiel kommandiert. Baubelehrung Germania-Werft für ein neues Boot.
Es war dem Zufall überlassen, wo man sich irgendwo wiedertraf. Meinen
ersten unvergeßlichen Obermaschinisten Hans Ziegenhagen von U-2
von 1937 bis 1938, traf ich letztmalig im Stützpunkt Bordeaux im
Sommer 1943, als L.I. von U-460. 'Machs gut, Seppl!' waren seine
letzten Worte vor seiner letzten Ausfahrt, von welcher er nicht
mehr zurückkehrte.
Alle ehemaligen
Schulboot-Kommandanten, unter welchen ich das Glück hatte in den
beiden Vorkriegsjahren zu fahren, gehörten mit zu den erfolgreichsten
im Kriege. Insbesondere
KL Herbert Schultze mit U-48, er verstarb im Jahre 1987 in Wilhelmshaven.
KL Heinrich
Liebe war ein ebenfalls sehr erfolgreicher Kommandant auf den Booten
U-38 und U-332, soweit bekannt ist, lebte er im anderen Teil Deutschlands.
KL Rosenbaum
nach seinen großen Erfolgen mit U-73 im Mittelmeer - u.a. die Versenkung
eines britischen Flugzeugträgers - wurde Flottillenchef in Konstanza
im Schwarzen Meer. Auf einer Urlaubsreise von dort in die Heimat,
mit dem Flugzeug vermißt.
KL Viktor
Schütze war Kommandant von den Booten U-25, U-103 und U-605. Er
blieb mit seinem letzten Boot nach vielen Erfolgen vor dem Feind.
KL Salmann
gehörte mit seinem Boot U-52 von Kriegsbeginn bis Ende 1941 zu den
ebenfalls sehr routinierten Kommandanten mit vielen Erfolgen, welcher
sein Boot immer glücklich nach Hause brachte. Nach dem Kriege lebte
er in Kiel.
Hermann
Wien (verstorben 2004 |