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Ein Erlebnis in Brasilien ...

 

Inhalt:

'U-A' -
was war das
für ein Boot?'

'U-180
und die
geheime
Reichssache'

'In Brasilien nach
dem Krieg:
U-Boot-Fahrer und Handelsschiffer'

1937 -1939
auf U 2 und U 7

... nach dem Kriege in Zusammenhang mit meiner Zeit als U-Boot-Fahrer

von Hermann Wien, Augsburg
Mitglied der UK München

Während der Jahre 1955 - 1960 weilte ich beruflich im technischen Außendienst der MAN-Werke-Augsburg in Brasilien. Bei der Werksvertretung der MAN in Rio de Janeiro war ich zuständig für alle Belange von MAN-Diesel-Motoren für alle Zwecke, vorwiegend für Schiffsmotoren - stationäre Anlagen, Diesel-Kraftwerke sowie auch Diesellokomotiven.

Am 22. Juni 1959 wurde ich von unserer Vertretung beauftragt, zusammen mit dem Schiffs-Inspektor, Commandante Alvaros Menderos, der brasilianischen Tankschiff-Reederei 'PETROBRAS', nach Itajai zu fliegen, um in einer Werft einen Schiffsneubau zu besuchen. Itajai liegt ca. 1.000 km südlich von Rio, ist die Hafenstadt des Staates Santa-Catarina an der Flußmündung des Itajai-Flußes gelegen.

Bevor Herr Menderos Schiffsinspektor wurde, war er Kapitän auf großer Fahrt der brasilianischen Handelsmarine. Schon beim Zusammentreffen mit dem Herrn am nationalen Flughafen von Rio, dem Santos Dumont, vis a vis vom Zuckerhut, muß wohl der Funke der 'ehemaligen Seefahrer' gleich übergesprungen sein. Wir saßen dann während des Fluges, welcher über Sao-Paulo-Curitiba nach Itajai ging, nahezu 5 Stunden im Flugzeug, einer DO-3, nebeneinander.

Zunächst ging's bei unserer Unterhaltung um meinen Auftrag auf dem Schiffsneubau der PETROBRAS, den Einbau des Schiffsmotors zu Ende zu führen, mit Einbaukontrolle, Standprobe, Probefahrt u.s.w. Unser Gespräch wandte sich dann manch anderen Dingen zu, nicht zuletzt vergangener Zeiten.

Damit war es kaum vermeidlich, daß wir wohl oder übel auf den Krieg zu sprechen kamen. 'Sag mal' meinte Kapitän Menderos, 'vom Alter her und wenn ich dich so anschaue, du warst doch sicher auch Soldat im letzten Krieg.' Mich berührte dies zunächst sehr komisch aus dem Munde eines Brasilianers. Was blieb mir anderes übrig, als diese Frage zu bejahen. Keineswegs jedoch gab er sich damit zufrieden. Jetzt wollte er wissen, ob ich beim Heer, vielleicht bei der Luftwaffe oder gar bei der Marine diente. Ich möchte fast sagen, es war zu fühlen, daß ich in seiner Achtung stieg, als ich ihm sagte, daß ich Mariner war! Weshalb er aber dann immer noch mehr wissen wollte und zusehend wissensdurstiger wurde, darüber erreichte ich erst Klarheit am Ende dieses Gesprächs.

Also ging's weiter: 'Auf was für Kriegschiffen bist Du denn gefahren? Waren's große Schiffe, Kreuzer oder gar Schlachtschiffe, vielleicht Zerstörer?' So sprudelte es aus ihm heraus. 'Vielleicht warst Du gar U-Bootfahrer?' Weshalb auch sollte ich ihm es verheimlichen? So sagte ich ihm, was er wissen wollte, daß ich U-Bootfahrer war. Seine Reaktion war unverkennbar, jetzt schien es für ihn interessant zu werden. Er wurde hellhörig, er sah mir in die Augen. 'Was hatte er im Sinn?' so ging's mir durch den Kopf. 'Hermann,', erstmals sprach er mich mit Vornamen an, 'jetzt möchte ich wissen: in welchen Seegebieten hast Du dich denn mit deinem U-Boot oder U-Booten herumgetrieben?' - 'Nun ja, mit dem 1. Boot im 1. Kriegsjahr bis Ende 1940 im Nord- aber auch im Südatlantik. Mit dem 2.Boot, welches im April 1942 in Dienst gestellt wurde, ging's außer Nord- und Südatlantik, auch in den indischen Ozean!'

Als er dies vernommen hatte, traf mich ein Blick, der kaum zu schildern ist, war es Genugtuung, Überraschung oder vielleicht gar Freude? Was ich dann aus seinem Munde vernahm, war fast ein Keulenschlag, nämlich: 'Dann warst Du es, welcher mich torpedierte?' Es dauerte eine geraume Weile bis ich mich zurechtfand zu einer Gegenfrage: 'Alvaros, sag mir doch bitte, wie und wann ist das geschehen?'

Mit Spannung vernahm ich nun seine Erzählung: 'Als Kapitän eines brasilianischen Frachtschiffes wurde ich im Jahre 1944 von Indien kommend mit Fracht für Brasilien im Seegebiet östlich von Port Durban von einem deutschen U-Boot torpediert.'

Hier unterbrach ich seinen Redefluß und sagte ihm, daß ich unmöglich daran beteiligt gewesen sein konnte, da ich mich nur im Jahre 1943 als Angehöriger der Besatzung von U-180 in diesem Seegebiet befand.

Nun war es an mir, daß ich neugierig wurde. 'Erzähl doch mal, wie geschah denn alles, was wurde aus Euch Seeleuten und deinem Schiff? Das würde mich doch sehr interessieren!' das war jetzt meine Frage. Als guter Zuhörer vernahm ich dann seine Geschichte: 'Während einer mondhellen Nacht erhielten wir im Vorschiff einen Torpedotreffer, so daß unser Schiff ziemlich schnell vorlastig wurde. Wir hatten noch Zeit, daß wir die Rettungsboote erreichten und vom Schiff freikamen. Nach ca. 20 Minuten wurde unser Schiff von einem 2. Torpedo getroffen und versank sehr schnell über den Bug. Offenbar wurden wir Schiffbrüchigen von den U-Bootleuten gesichtet. Per Megaphon wurden wir längsseits zum Boot gerufen. Der U-Bootkommandant verlangte nach dem Kapitän. Er bat mich, an Bord zu kommen. Mir war zwar etwas mulmig zumute,' so meinte Alvaros Menderos, 'aber ich ging an Bord. In der Offiziersmesse des U-Bootes saß ich dem Kommandanten gegenüber. Ich wurde nach Schiffsnamen Beladung, Ausgangs- und Bestimmungshafen befragt und im übrigen fair und höflich behandelt und auch bewirtet. Irgendwie tat mir das gut nach der Katastrophe und dem Verlust meines Schiffes. Ich hatte einen sehr guten Eindruck von allen Leuten an Bord. Der Kommandant begleitete mich an Oberdeck und inzwischen waren meine Leute in den Rettungsbooten mit dem nötigsten versorgt. Nach einer Kursanweisung vom U-Boot für uns in Richtung Küste verschwand das Boot, wir waren uns selbst überlassen. Hermann, willst du nun wissen, wie's weiterging?'

Natürlich wollte ich. 'Nach 2 Tagen und Nächten bei nicht gerade stürmischer See nahm uns eine britische Fregatte auf und brachte uns nach Port Durban. Als Kapitän des torpedierten Schiffes mußte ich zur Berichterstattung zum Hafenkapitän. Übrigens ein ergrauter alter britischer Marine-Offizier. Paß jetzt gut auf, Hermann! Nach Beendigung meines Vortrags sprach dieser Herr etwa folgende Worte zu mir: ,Als Kapitän des Schiffes wäre es Ihre moralische Pflicht gewesen, mit Ihrem Schiff unterzugehen!' Ich wußte kaum wie mir geschah, es verschlug mir zunächst die Sprache - aber Gott sei Dank hatte ich mich gleich für die richtige Antwort wieder gefangen. Diese britische Meinung in Ehren, sie ist aber nicht die eines brasilianischen Kapitäns. Meine Ansicht ist eine ganz andere. Was glauben Sie, Herr Hafenkapitän, ein Schiff ist doch in wenigen Monaten gebaut, bei einem brasilianischen Kapitän dauert das wesentlich länger. Davon sollten Sie zumindest ausgehen.'

Und die Moral von der Geschichte letztem Teil kann sich jeder selbst ausmalen. Oder ist's eine Diskussion wert? Übrigens, durch dieses unvorhergesehene Ereignis gewann ich einen guten Freund in Brasilien.

Hermann Wien (verstorben 2004)

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Letzte Änderung: Mittwoch, 23.01.2008 23:18

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