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... nach dem Kriege in Zusammenhang
mit meiner Zeit als U-Boot-Fahrer
von
Hermann
Wien, Augsburg
Mitglied
der UK München
Während
der Jahre 1955 - 1960 weilte ich beruflich im technischen Außendienst
der MAN-Werke-Augsburg in Brasilien. Bei der Werksvertretung der
MAN in Rio de Janeiro war ich zuständig für alle Belange von MAN-Diesel-Motoren
für alle Zwecke, vorwiegend für Schiffsmotoren - stationäre Anlagen,
Diesel-Kraftwerke sowie auch Diesellokomotiven.
Am 22. Juni
1959 wurde ich von unserer Vertretung beauftragt, zusammen mit dem
Schiffs-Inspektor, Commandante Alvaros Menderos, der brasilianischen
Tankschiff-Reederei 'PETROBRAS', nach Itajai zu fliegen, um in einer
Werft einen Schiffsneubau zu besuchen. Itajai
liegt ca. 1.000 km südlich von Rio, ist die Hafenstadt des Staates
Santa-Catarina an der Flußmündung des Itajai-Flußes gelegen.
Bevor Herr
Menderos Schiffsinspektor wurde, war er Kapitän auf großer Fahrt
der brasilianischen Handelsmarine. Schon beim Zusammentreffen mit
dem Herrn am nationalen Flughafen von Rio, dem Santos Dumont, vis
a vis vom Zuckerhut, muß wohl der Funke der 'ehemaligen Seefahrer' gleich übergesprungen sein. Wir saßen dann während des Fluges,
welcher über Sao-Paulo-Curitiba nach Itajai ging, nahezu 5 Stunden
im Flugzeug, einer DO-3, nebeneinander.
Zunächst
ging's bei unserer Unterhaltung um meinen Auftrag auf dem Schiffsneubau
der PETROBRAS, den Einbau des Schiffsmotors zu Ende zu führen, mit
Einbaukontrolle, Standprobe, Probefahrt u.s.w. Unser Gespräch wandte
sich dann manch anderen Dingen zu, nicht zuletzt vergangener Zeiten.
Damit war
es kaum vermeidlich, daß wir wohl oder übel auf den Krieg zu sprechen
kamen. 'Sag mal' meinte Kapitän Menderos, 'vom Alter her und wenn
ich dich so anschaue, du warst doch sicher auch Soldat im letzten
Krieg.' Mich berührte dies zunächst sehr komisch aus dem Munde eines
Brasilianers. Was blieb mir anderes übrig, als diese Frage zu bejahen.
Keineswegs jedoch gab er sich damit zufrieden. Jetzt wollte er wissen,
ob ich beim Heer, vielleicht bei der Luftwaffe oder gar bei der
Marine diente. Ich möchte fast sagen, es war zu fühlen, daß ich
in seiner Achtung stieg, als ich ihm sagte, daß ich Mariner war!
Weshalb er aber dann immer noch mehr wissen wollte und zusehend
wissensdurstiger wurde, darüber erreichte ich erst Klarheit am Ende
dieses Gesprächs.
Also ging's
weiter: 'Auf was für Kriegschiffen bist Du denn gefahren? Waren's
große Schiffe, Kreuzer oder gar Schlachtschiffe, vielleicht Zerstörer?'
So sprudelte es aus ihm heraus. 'Vielleicht warst Du gar U-Bootfahrer?'
Weshalb auch sollte ich ihm es verheimlichen? So sagte ich ihm,
was er wissen wollte, daß ich U-Bootfahrer war. Seine Reaktion war
unverkennbar, jetzt schien es für ihn interessant zu werden. Er
wurde hellhörig, er sah mir in die Augen. 'Was hatte er im Sinn?'
so ging's mir durch den Kopf. 'Hermann,', erstmals sprach er mich
mit Vornamen an, 'jetzt möchte ich wissen: in welchen Seegebieten
hast Du dich denn mit deinem U-Boot oder U-Booten herumgetrieben?'
- 'Nun ja, mit dem 1. Boot im 1. Kriegsjahr bis Ende 1940 im Nord-
aber auch im Südatlantik. Mit dem 2.Boot, welches im April 1942
in Dienst gestellt wurde, ging's außer Nord- und Südatlantik, auch
in den indischen Ozean!'
Als er dies
vernommen hatte, traf mich ein Blick, der kaum zu schildern ist,
war es Genugtuung, Überraschung oder vielleicht gar Freude? Was
ich dann aus seinem Munde vernahm, war fast ein Keulenschlag, nämlich:
'Dann warst Du es, welcher mich torpedierte?' Es dauerte eine geraume
Weile bis ich mich zurechtfand zu einer Gegenfrage: 'Alvaros, sag
mir doch bitte, wie und wann ist das geschehen?'
Mit Spannung
vernahm ich nun seine Erzählung: 'Als Kapitän eines brasilianischen
Frachtschiffes wurde ich im Jahre 1944 von Indien kommend mit Fracht
für Brasilien im Seegebiet östlich von Port Durban von einem deutschen
U-Boot torpediert.'
Hier unterbrach
ich seinen Redefluß und sagte ihm, daß ich unmöglich daran beteiligt
gewesen sein konnte, da ich mich nur im Jahre 1943 als Angehöriger
der Besatzung von U-180 in diesem Seegebiet befand.
Nun war es
an mir, daß ich neugierig wurde. 'Erzähl doch mal, wie geschah denn
alles, was wurde aus Euch Seeleuten und deinem Schiff? Das würde
mich doch sehr interessieren!' das war jetzt meine Frage. Als guter
Zuhörer vernahm ich dann seine Geschichte: 'Während einer mondhellen
Nacht erhielten wir im Vorschiff einen Torpedotreffer, so daß unser
Schiff ziemlich schnell vorlastig wurde. Wir hatten noch Zeit, daß
wir die Rettungsboote erreichten und vom Schiff freikamen. Nach
ca. 20 Minuten wurde unser Schiff von einem 2. Torpedo getroffen
und versank sehr schnell über den Bug. Offenbar wurden wir Schiffbrüchigen
von den U-Bootleuten gesichtet. Per Megaphon wurden wir längsseits
zum Boot gerufen. Der U-Bootkommandant verlangte nach dem Kapitän.
Er bat mich, an Bord zu kommen. Mir war zwar etwas mulmig zumute,'
so meinte Alvaros Menderos, 'aber ich ging an Bord. In der Offiziersmesse
des U-Bootes saß ich dem Kommandanten gegenüber. Ich wurde nach
Schiffsnamen Beladung, Ausgangs- und Bestimmungshafen befragt und
im übrigen fair und höflich behandelt und auch bewirtet. Irgendwie
tat mir das gut nach der Katastrophe und dem Verlust meines Schiffes.
Ich hatte einen sehr guten Eindruck von allen Leuten an Bord. Der
Kommandant begleitete mich an Oberdeck und inzwischen waren meine
Leute in den Rettungsbooten mit dem nötigsten versorgt. Nach einer
Kursanweisung vom U-Boot für uns in Richtung Küste verschwand das
Boot, wir waren uns selbst überlassen. Hermann, willst du nun wissen,
wie's weiterging?'
Natürlich
wollte ich. 'Nach 2 Tagen und Nächten bei nicht gerade stürmischer
See nahm uns eine britische Fregatte auf und brachte uns nach Port
Durban. Als Kapitän des torpedierten Schiffes mußte ich zur Berichterstattung
zum Hafenkapitän. Übrigens ein ergrauter alter britischer Marine-Offizier.
Paß jetzt gut auf, Hermann! Nach Beendigung meines Vortrags sprach
dieser Herr etwa folgende Worte zu mir: ,Als Kapitän des Schiffes
wäre es Ihre moralische Pflicht gewesen, mit Ihrem Schiff unterzugehen!'
Ich
wußte kaum wie mir geschah, es verschlug mir zunächst die Sprache
- aber Gott sei Dank hatte ich mich gleich für die richtige Antwort
wieder gefangen. Diese britische Meinung in Ehren, sie ist aber
nicht die eines brasilianischen Kapitäns. Meine Ansicht ist eine
ganz andere. Was glauben Sie, Herr Hafenkapitän, ein Schiff ist
doch in wenigen Monaten gebaut, bei einem brasilianischen Kapitän
dauert das wesentlich länger. Davon sollten Sie zumindest ausgehen.'
Und die Moral
von der Geschichte letztem Teil kann sich jeder selbst ausmalen.
Oder ist's eine Diskussion wert? Übrigens, durch dieses unvorhergesehene
Ereignis gewann ich einen guten Freund in Brasilien.
Hermann
Wien (verstorben 2004)
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